Schlagwörter

, , ,

Lasst uns in Ruhe mit Brauchtum und BodenLasst uns in Ruhe
mit Brauchtum und Boden

Interview mit Klaus Kirchner zum Thema: die Politik und das Mähen mit der Sense
Fragen stellte: Nikkolo Feuermacher

Feuermacher: Ist das Benutzen der Sense ein politischer Akt?
Kirchner: Wenn jedes Handeln in einer Gesellschaft politisch ist, kann das Sensenmähen per Definition nicht unpolitisch sein.
Feuermacher: Patrick Peternel hat im April-Interview bei Schnitter.in gemeint, dass es bereits Wirkung hat, wenn man seinen eigenen Petersil zieht.
Kirchner: Wer mit der Sense mäht, wird im Garten und nebenan die Wirkungen leicht erleben können. Wer CO2-neutral, nachbarnfreundlich, Artenvielfalt ermöglichend, gesund, tänzerisch, intelligent handelt, wirkt auf vielen Ebenen.
Feuermacher: In letzter Zeit wird das Wort Heimat wieder gross plakatiert.
Kirchner: Lasst uns in Ruhe mit Heimat, Brauchtum und Boden, das ist wie eine Ersatz-Religion und noch dazu keine menschenfreundliche.
Feuermacher: Das Mähen mit der Sense ist aber doch ein Brauchtum.
Kirchner: Brauchtum bedeutet, dass man etwas so macht, wie es früher gemacht wurde. Früher haben Frauen das Einverständnis ihres Ehemannes gebraucht, um einen Beruf ausüben zu dürfen, das ist auch ein Brauchtum. Noch früher war es Brauch, dass Bauern Eigentum des Grundbesitzers waren.
Feuermacher: Das Österreichische Sensenschmieden ist seit 2014 im Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich (im Rahmen der UNESCO) eingetragen.
Kirchner: Auf so eine Liste kommt was vom Aussterben bedroht ist. Um Menschen darauf hinzuweisen, dass es schade wäre, wenn es nicht mehr da ist. Eine Sensenschmiede braucht keinen Museumstitel, sondern SchnitterINNEN, MahderINNEN, Leute die mit einer Sense arbeiten wollen und sie verwenden können. Wenn die Menschen auf der Welt aufhören, Sensen zu benutzen, werden sie auch aufhören, Sensen zu schmieden. Ein Können, das nicht mehr in Menschen weiterlebt, ist tot. Der Eintrag ins UNESCO Verzeichnis sagt uns: Das Sensen-Schmieden liegt schon am Boden.
Feuermacher: Wird die Sense gerade angezählt?
Kirchner: Ich sehe, dass sie eben wieder auf die Beine kommt und an Leben gewinnt. Peter Vido soll gesagt haben „Die Sense ist ein Geschenk der Vergangenheit an die Zukunft“. Wer sein Geschenk verliert, hat es nicht mehr. Das wird jetzt verstanden.
Feuermacher: Ist das Mähen mit der Sense etwas Österreichisches?
Kirchner: Das ist nicht unser Zugang. Abgesehen vom Fremdenverkehr, der ein Interesse daran hat schnell und in attraktiven Portionen etwas „Österreichisches“ zu verkaufen, sehe ich keinen Sinn in einer regionalen Zuordnung. Das Mähen mit der Sense ist eine menschliche Kulturleistung, eine Errungenschaft, die viele Generationen Menschen an unterschiedlichsten Orten weitergebracht haben. Wenn ich aktuell nachsehe, wo am meisten mit der Sense gemäht wird, ist das Mähen mit der Sense etwas Türkisches oder Iranisches.
Feuermacher: Gibt es eine weltweite Sensenbewegung?
Kirchner: In vielen Ländern der Erde mähen Menschen noch immer, oder schon wieder mit der Sense. Wir vernetzen uns, wo es möglich und sinnvoll ist.
Feuermacher: Braucht es für das Mähen mit der Sense Boden und Grundbesitz?
Kirchner: Es gibt Menschen, die spielen Golf und haben noch nicht einmal einen Golfplatz.
Feuermacher: Was hat das mit der Stadt zu tun?
Kirchner: Städte haben Demokratie hervorgebracht. Mit der Sense mähen zu können, ist eine Form der Selbstermächtigung, der Unabhängigkeit. Schnitter, das waren früher EPUs [Einpersonenunternehmen], die mit ihrer Sense in der Erntezeit unterwegs waren, um ihre Kunst anzubieten. Heute sind es in Österreich auch Menschen, die in der Stadt leben.
Feuermacher: Gibt Schnitter.in eine Wahlempfehlung ab?
Kirchner: Selbstverständlich, denn wir wissen was Empfehlungen wert sind.