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Wiesen als Kulturerbe nennt Simon StifterWiesen sind ein Kulturerbe. Sie sollten auf jeden Fall geschützt werden, so wie andere Kulturgüter auch.“ Simon Stifter ist Vegetationsökologe – der Soziologe unter den Botanikern. Mit ihm sprach Klaus Kirchner im Mai 2017 nach einer Wiesen-Führung im Botanischen Garten der Universität Wien mit anschliessendem Schnuppersensen.
Fotos: Irmgard Kirchner

Kirchner: Wiese und Mensch hängen zusammen?
Stifter: Menschen sind in der Jungsteinzeit sesshaft geworden, haben angefangen Wälder zu roden und die entstandenen Grünflächen mit ihren Nutztieren zu beweiden. Wiesen wie wir sie jetzt haben sind durch den Menschen entstanden. Der Mensch hat in die Natur eingegriffen und die Natur hat darauf wieder reagiert, als Wechselspiel zwischen Mensch und Natur. Der Mensch hat sich immer weiter ausgebreitet und die Natur hat immer wieder darauf reagiert. Dadurch sind spezielle Lebensgemeinschaften, wie die Wiesen, entstanden.

Wiese ist eine waldfreie Vegetation. Wenn ich an Wiese denke, denke ich an frisches Grün, etwas das gemäht wird, farbenreich, mit verschiedenen Kräutern und Gräsern. Im Gegensatz zu einer intensiv genutzten Fläche, die eher monoton ausschaut. Die Wiese ist etwas ganz spezielles.
Auf Grund unterschiedlicher Standortbedingungen passen sich Wiesen an.
Zum Beispiel: in feuchten Senken, wo sich das Wasser sammelt, wird die Wiese durch Pflanzen charakterisiert, die es eher feuchter mögen: sogenannte Feuchtwiesen.
Wiesen, die gut nährstoffversorgt sind, sind Fettwiesen. Diese werden meistens auch intensiv landwirtschaftlich genutzt.
Es gibt auch Magerwiesen an Standorten die nicht so gut nährstoffversorgt sind. Letztere sind für den Bauern nicht so produktiv, aber aus Sicht des Vegetationsökologen interessant, weil sie artenreich sind und auch für verschiedenste Insekten und andere Lebewesen Lebensraum bieten.

Menschen fühlen sich auf Wiesen wohler als etwa im Wald, weil wir in der Savanne entstanden sind. Menschen entspannen sich auf einer artenreichen Wiese mit Blüten und Kräutern

Unterschiedliche Bewirtschaftungsformen prägen Wiesen genauso wie die Standortfaktoren Niederschlag, Sonne und Nährstoffversorung. Die Wiesen mit den wenigsten Arten sind die am intensiv genutzten.
Durch die starke Nutzung und die hohe Nährstoffverfügbarkeit können dort nur wenige überleben.
Dann gibt es Wiesen, die werden extensiv bewirtschaftet und nicht so regelmässig gemäht. Dadurch können sich mehr Pflanzen etablieren.
Auf der intensiv genutzten Wiese haben wir 4 – 5 Arten, auf einer extensiv genutzten Wiese 50 – 60. Innerhalb der Wiese gibt es mikroklimatisch gesehen wieder unterschiedliche Standortbedingungen. Deshalb findet jede Art ihre passenden Bedingungen.
Im Halbtrockenrasen, der nicht so gut wasserversorgt ist und vom Klima nicht niederschlagsreich, können wir in der selben Wiesenfläche 100 – 120 verschiedene Arten finden. Das ist dann wirklich artenreich.

Die letzten 50 Jahre haben das Wechselspiel zwischen Mensch und Natur rapide beschleunigt. Wiesen sind immer im Wandel begriffen, aber Heute stellt sich die Frage ob überhaupt noch von Kulturlandschaft geredet werden kann. Wenn die Natur so stark beherrscht wird, man sie nicht mehr reagieren lässt, sondern sie nur noch ausbeutet. Ich würde dann nicht mehr von Kulturlandschaft reden, sondern von kulturferner Bewirtschaftung. Was über Jahrtausende entstanden ist, wird rapide verändert und reduziert. Die Kulturlandschaft, die vor hundert Jahren weit verbreitet war, ist Heute selten geworden. Vor dem 2.Weltkrieg gab es viele extensiv bewirtschaftete Wiesen, flächenmässig sicher 75 % aller Wiesen. Mittlerweile werden nur noch ca. 25% der Wiesen extensiv bewirtschaftet, der Rest wird intensiv genutzt.

Kirchner: Was bedeuten die vielen Plastikballen, die wir jetzt auf den Wiesen herumliegen sehen?
Stifter: Heutzutage ist es mit grossen Geräten ganz einfach eine Wiese zu mähen. Früher haben Menschen gewartet bis die Gräser relativ gross waren. Dadurch waren die Samen schon ausgereift, die Art konnte sich weiter verbreiten, dann erst wurden die Pflanzen gemäht. Heute ist es so, dass alles auf hohe Produktion getrimmt ist. Es gilt als besser, dass man Gräser und Kräuter früher – also vor dem Aussamen – schneidet, dann ist der Proteingehalt höher. Das ist für die Milchproduktion erwünscht. Die Wiesen werden früh im Jahr zum ersten mal geschnitten, der Schnitt wird in Plastikfolie gewickelt und als Silo-Ballen an Ort und Stelle vergoren. Die Wiese wird jährlich 4 – 6 mal gemäht. Die Konsequenz daraus ist: Arten, die länger brauchen um sich zu entwickeln, werden zurück gedrängt oder verschwinden. Nur die Arten, die vom Boden aus sofort wieder austreiben, können nach dem Schnitt wieder loslegen.

Kirchner: Was kann man tun um eine artenreiche Wiese zu ermöglichen?
Stifter: Es gibt unterschiedliche Wege um Wiesen wieder zu extensivieren. Das dauert natürlich. Pflanzen reagieren nicht so schnell. Wenn man die Wiese nicht mehr so häufig mäht, vielleicht 1 – 2 mal im Jahr und sie nicht düngt. Die gute Nährstoffversorgung ist für viele Arten nicht förderlich. Wenn man das Gras mäht und wegtransportiert entnimmt man dem Lebensraum ständig Biomasse, und die Nährstoffe werden reduziert. So wird die Wiese für mehr Arten ein guter Standort. Wenn die Wiese vorher intensiv genutzt wurde, dauert das sicher lange. Wenn Wiesen allerdings nicht in einem so schlimmen Zustand sind, gelingt es schon innerhalb von wenigen Jahren Veränderungen zu beobachten.
Wenn es innerhalb der Landschaft nicht monoton ist, sondern z.B. einen Wald daneben, Hecken, Felsen oder Lesesteinhaufen gibt, bilden sich innerhalb einer Wiese unterschiedliche Bedingungen und das erhöht die Diversität.
Wenn die Bedingungen passen, kommen die Pflanzen von selbst. Wenn man allerdings inmitten von intensiv genutzten Feldern liegt, kommt nicht so viel herein, wie in einer abwechslungsreichen Landschaft. Pflanzen sind in der Regel sehr gut darin sich auszubreiten, da es verschiedenste Mechanismen dafür gibt. Beispielsweise musste Europa nach der Eiszeit erst wieder vom Rand aus besiedelt werden. Deshalb haben wir auch noch überall mehr oder weniger ähnliche Pflanzen.

Kirchner: Was sagst Du zum Mähen mit der Sense?
Stifter: Ich bin in Südtirol aufgewachsen und habe es als Kind schon immer spannend gefunden mit der Sense zu mähen. Aber ich war immer zu klein um das machen zu dürfen. Ich durfte immer nur mit dem Rechen arbeiten. Jetzt gibt es in meiner Familie niemanden mehr, der mir das zeigen kann. Die Generation vor mir hat das nicht mehr praktiziert, nicht mehr gerne gemacht oder für unnötig gehalten. Jetzt wollen die Leute das wieder lernen, weil sie sehen dass die Maschinen negative Aspekte haben. Darum finde ich es gut, dass das wieder angefangen wird.
Beim Mähen mit der Sense haben die Tiere mehr Zeit um zu flüchten. Es ist sicher ein Vorteil, dass man mit der Sense den Eingriff in den Lebensraum besser steuern kann. Mit der Sense zu mähen ist bestimmt das schonendste für die Wiese.

Kirchner: Wie kommst Du dazu im Botanischen Garten der Universität Wien eine Wiesen-Führung zu machen?
Stifter: Ich habe in Wien Vegetationsökologie studiert und würde mich als den Handwerker unter den Vegetationsökologen bezeichnen. Ich bin im Freiland unterwegs, kartiere und erfasse die Pflanzengesellschaften, die Vegetation. Mein Werk kann dann analysiert und weiter beforscht werden. Letztes Jahr habe ich mit jemandem ein Konzept entwickelt um Schulklassen näher zu bringen: Wieso gibt es verschiedene Pflanzen? Warum gibt es in einem Wald andere Arten als auf einer Wiese? Wir wollten den Kindern zeigen: Wenn man die Pflanzen kennt, kann man auch etwas über die Standortbedingungen aussagen. Das ist ganz gut angekommen. Heuer wurde ich gefragt, ob ich bei einer Mittwochsführung des Botanischen Gartens etwas erzählen möchte. Das habe ich natürlich gerne gemacht. Ich finde es spannend nicht nur mit Studenten und Wissenschaftlern zu arbeiten, sondern mit Leuten, die das einfach interessiert. Und einer meiner Professoren war sogar zum anschließenden Schnuppersensen da.

Botanischer Garten der Universität Wien, Schnuppersensen

Schnuppersensen