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Golfer, alle Rechte bei Nikkolo Feuermacher 2017(Anmerkung 1*: gemeint ist nicht das flotte Fahren eines Kraftfahrzeugs deutscher Bauart, sondern die Gestaltung einer Freifläche mit Pflanzen).

Golf zu Spielen war, so wie auch das Cricket und das Croquet, eine Wintersportart britischer Grundbesitzer. Als der britische Upper-Class-Lebensstil zum globalen Vorbild wurde, verbreitete sich damit auch diese Sportart zunehmend über den Erdball. Anlässlich der Wintersportsaison – mit zunehmend weniger Schnee – führte Klaus Kirchner ein Interview mit dem Vegetationsökologen Simon Stifter über die Grundlage des Golfs: den Golfrasen.
Kirchner: Körperlich gesehen ist Golfspielen (das Abschlagen) eine gute Vorübung für das Mähen mit der Sense (und umgekehrt). Es scheint als wäre ein Golfrasen für viele Menschen das Ideal, das sie gerne vor ihrer Haustür hätten. Manche Menschen, die einen Sensenkurs machen, wollen mit der Sense einen Rasen erzeugen.
Stifter: Aus Sicht eines Vegetationsökologen – der ich bin – ist ein Golfrasen relativ langweilig. Er hat wenige Arten. Es sind vielleicht drei verschiedene Gräser, die dort leben. Die Farbe Grün wird sicher recht prägnant sein, aber es gibt keine Blüten. Für Insekten ist das total uninteressant, sie können nichts bestäuben. Es kein Lebensraum für sie.
Kirchner: Wieso wünscht sich jemand einen Rasen?
Stifter: Viele Menschen wollen, dass es SAUBER ausschaut. Eine Blumenwiese im Garten ist für sie vielleicht zu wild. Deshalb wird eine kurzgeschore, grüne Rasenfläche bevorzugt.
Kirchner: Eine Art Ordnungsliebe?
Stifter: Für den Gartenbesitzer erscheint es vielleicht praktisch, weil er über die kurzgeschorene Fläche gehen kann. Der Rasen macht aber auf jeden Fall VIEL mehr Arbeit als eine Wiese. Er muss sehr oft gemäht werden, künstlich bewässert, der Boden muss flach gehalten werden und frei sein von unerwünschten Tieren (Maulwürfe, Ameisen, Erdkröten, Hummeln usw.).
Kirchner: Der Vorgarten ist noch kein Golfplatz.
Stifter: Golfplätze schauen international relativ gleich aus. Die Klima- und Bodenbedingungen sind aber natürlich nicht überall die selben. Deshalb wird jeweils ein naturfremder Lebensraum künstlich hergestellt. Problematisch ist das an Orten, wo man sensible Lebensräume mit seltenen Biotopen z.B. Feuchtstandorte, einem Golfplatz zum Opfer fallen lässt. Golfplätze sind aus meiner Sicht ein künstlicher, naturferner Ort, so etwas kommt in der Natur nicht vor. Der Rasen besteht aus wenigen Arten in einer Monokultur, wie in der kommerziellen Landwirtschaft. Wobei die Landwirtschaft sich langsam verändert und immer schon da war. Ein Golfplatz ist vielleicht der gröbere Eingriff in eine Naturlandschaft als Landwirtschaft. Der Einsatz von Herbiziden (die alle anderen Pflanzen vernichten) und Düngemitteln (für die Farbe) auf dem Golfplatz hat natürlich auch seinen negativen Einfluss auf die Natur drumherum.
kraeuterwiese von nikkolo feuermacher 2017
Oft werden Golfplätze an Standorten errichtet, wo die Natur drumherum nett ist. Diese Golfplätze zerstören dann Lebensräume in denen vorher Tiere gelebt haben. Das ist für die Natur kontraproduktiv. Ein Golfplatzbetreiber wird vielleicht noch einen Teich zulassen mit etwas Schilf, weil das hübsch ausschaut, aber eine Wiese wird es da nicht mehr geben.
Für Insekten ist Golfrasen lebensfeindliches Gebiet, denn grossflächig fehlt ihnen dann der Lebensraum. Wenn das Gras immer kurz geschoren ist, ist es viel zu trocken für Insekten und die können ohne Blüten nicht überleben. Das wiederum hat zur Folge, dass Tiere die sich von Insekten ernähren, wie beispielsweise Vögel oder Amphibien, zurückgehen.
Der Golfrasen ähnelt einer versiegelten Fläche.
Kirchner: Zu trocken? Der Golfrasen braucht doch viel Wasser. Um das Gras zu erhalten muss oft gesprengt und gegossen werden.
Stifter: Es wird sicher viel verdunsten. Es wäre nicht notwendig zu bewässern, wenn das Gras höher wäre, dann würden nicht so viele Ressourcen verbraucht.
Bevor Golfrasen angesät oder ausgerollt wird, wird die Fläche komplett verändert. Strukturen werden entfernt, Feuchtlebensräume werden drainagiert. Golfrasen ist völlig einheitlich: ohne Unebenheiten, nur mit sanften Rundungen.
Kirchner: Der Boden muss immer gewalzt werden. Nur dadurch, dass alles vollkommen flach ist, kann so kurz gemäht werden.
Stifter: Der ursprüngliche Boden ist häufig nicht der richtige für den Golfrasen. Während die Fläche begradigt wird, muss oft der Boden ausgetauscht werden. Golfrasen hat spezielle Anforderungen, die man schaffen muss. Wenn der Boden steinig ist muss man die Steine entfernen und eine Humusschicht auftragen. Wenn es zu nass ist, muss der Boden trockengelegt und drainagiert werden. Erst dadurch kann der Golfrasen aufwachsen.

Wiesen als Kulturerbe nennt Simon Stifter

Vegetationsökologe Simon Stifter

Kirchner: Wie pflanzen sich die Gräser eines Golfrasens eigentlich fort wenn sie nicht blühen?
Stifter: Bei einem Golfrasen ist es nicht Ziel einen natürlichen Lebensraum zu schaffen, der sich selbst erhält. Viel menschliche Zeit und Arbeit wird ständig investiert um den Rasen zu erhalten. Er wird erst einmal sehr dicht gesäät oder ausgerollt. Die Arten sind so dicht, dass nichts anderes dazwischen aufkommen kann. Es gibt mittlerweile viele genetisch modifizierte Rasen-Sorten, die bedenklich sind. Diese Sorten sollen das ganze Jahr über gleichbleibend grün sein und resistent gegen Spritzmitteln.Diese Arten können aus dem Golfplatz natürlich ausdringen, kreuzen sich mit den verwandten einheimischen Grasarten und das künstlich eingebrachte Genmaterial gelangt in die Wildflora – das ist nicht wünschenswert.
Kirchner: Es gibt in Österreich ein Gentechnikverbot (*2), das die Aussaat genmanipulierter Arten verbietet?
Stifter: Neben gentechnisch manipulierten Sorten gibt es auch Züchtungen ohne Gentechnik. Wenn ich das in Australien hochgezüchtete Gras in Österreich pflanze, ist das auch bedenklich, selbst wenn es nicht in einem Gen-Labor entstanden ist. Das Gras ist nicht an die Gegebenheiten und das Klima hier in Österreich angepasst. Es braucht daher unter Umständen einen höheren Arbeitsaufwand, oder ist gefährlich wenn es auswildert und einheimische Arten verdrängt.
Kirchner: Sind die Monokulturen auf den Golfplätzen ähnlich der (früher Monsanto- jetzt Bayer-) Monokulturen, deren Samen ständig nachgekauft werden müssen, die gegen ein bestimmtes Pflanzenvernichtungsmittel des Herstellers resistent sind, welches alle anderen Pflanzen auf der Fläche tötet? Die die Käufer vollkommen abhängig macht und der Natur schadet? Entsprechend den Monokulturen z.B. im Mais-Anbau?
Stifter: Ich weiss nicht ob das in Österreich Heute so gemacht wird, aber in den USA gibt es seit 2006 genmanipulierte Rasen-Sorten, die auch schon ausgewildert sind und sich mit einheimischen Gräsern gekreuzt haben. Das genetisch veränderte Material ist jetzt schon in der Wildflora dort vorhanden.
Ein besonderes Problem mit genmanipuliertem Rasen ist, dass er im Gegensatz zu Mais oder Soja keine einjährige Pflanze ist, die im Jahr darauf wieder entfernt wird. Gras lebt mehrere Jahre, da ist die Gefahr des Auswilderns über einen längeren Zeitraum gegeben.

Kirchner: Wenn ich eine Wiese immer wieder mähe und kurz halte, stellt sich dann von allein ein Rasen ein?
Stifter: Sicherlich stellt sich kein Rasen mit ausländischen Grasarten ein. Da werden die einheimischen Arten vorkommen, allerdings dezimiert, denn es können ja nur etwa drei überleben. Es ist aber sicherlich besser als einen Golfrasen anzusäen. Beim Ansäen aus dem Packerl werden oft keine einheimischen Arten verwendet. Das sind Zuchtformen, bei denen das satteste Grün versprochen wird. Firmen stellen sie kommerziell in grosser Menge her, mit dem Ziel ihre Sorte zu verkaufen und Profit zu erwirtschaften. Wenn man einen offenen Boden sich von allein begrünen lässt, dauert es länger, aber es werden Arten vorkommen, die in der Umgebung schon vorhanden sind.
Kirchner: Golfrasen erscheint mir jetzt mehr als die Kulisse von Natureiner Fantasy-Natur – als etwas natürliches. Vielen Danke für das Gespräch.

(*2) In Österreich wurde im April 1997 das Gentechnik-Volksbegehren angenommen. Bei einer Beteiligung von über 21 % der Wahlberechtigten ÖsterreicherINNEN wurde damit ein gesetzlich verankertes Verbot der Produktion, des Imports und des Verkaufs gentechnisch veränderter Lebensmittel, ein Verbot der Freisetzungen genetisch veränderter Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen, sowie ein Verbot der Patentierung von Lebewesen gefordert. Der Beschluss wurde am 16. April 1998 nach der 3. Lesung vom Österreichischen Parlament angenommen.
Quelle: wikipedia.org, 2017