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Heinrich Frötscher spricht mit Klaus Kirchner in Wien:

Heinzi: Ab 4 Uhr früh kann man Vögel gut beobachten. Da beginnt im Sommer (mit der Sommerzeit) die Dämmerung und sie fangen an zu singen. Ihre Aktivität im Juli ist wahrscheinlich eine Stunde nach Sonnenaufgang am höchsten. Das wäre um 6 Uhr.
Klaus: Dann schreibe ich 6 Uhr als Beginn unseres gemeinsamen Sensenkurses am 14. Juli aus. Sollen die Teilnehmenden an etwas mitbringen?
Heinzi: Wenn sie Ferngläser haben, können sie die mitnehmen, das hilft immer. Ich sehe allerdings jetzt hier während unseres Gesprächs ohne Fernglas eine Taube, einen Mauersegler – mit freiem Auge. Vogelstimmen kann ich mit dem Handy erklären (da hab ich sie drauf). Niemand braucht ein Vorwissen oder ein Equimpment.
Klaus: Wie viele Vogelstimmen kannst Du denn unterscheiden?
Heinzi: In Zahlen weiss ich das nicht. Die Allerweltsvögel sind irgendwann einmal leicht zu erkennen, wenn ein musikalisches Verständnis vorhanden ist. Amsel und Kohlmeise geht recht leicht, dann gibt es aber auch Arten bei denen man Nuancen erhören muss um sie auseinander zu halten.
Klaus: Gibt es auch Vögel, die andere nachmachen, also deren Lieder singen?
Heinzi: Stare zum Beispiel. Der Beo, der oft in Käfigen gehalten wird weil er so gut nachsingen kann, ist ein Verwandter des Stars.
Klaus: Kann dann überhautp gehört werden, dass es ein Star ist, der da singt?
Heinzi: Ja, weil er immer wieder andere Strophen einbindet, die für ihn typisch sind. Ausserdem kann ein Vogel, der drei / vier verschiedene Vogelarten nachmacht nur ein Star sein. *
*[Anmerkung der Redaktion: Dieser Vogelname dient auch zur Bezeichnung von Menschen, die sehr gut verschiedene andere nachmachen können.]
Heinzi: Die Singdrossel kann zum Beispiel auch andere Arten nachmachen, der GelbSPÖTTER hat das schon in seinem Namen. Er spottet andere Geräusche oder Vogelarten indem er sie nachmacht. Der Gelbspötter überwintert in Afrika, bei dem hört man dann auch durch welche Gegenden er gezogen ist. Er macht nämlich Vogelarten nach, die es bei uns gar nicht gibt.
Bei der Singdrossel merkt man auch wo sie herkommt oder unterwegs war. Ich habe zum Beispiel mitten im Wald einen Flussuferläufer gehört, der nur am Fluss lebt. Wenn ich diesen Ruf mitten im Wald höre kann das nur ein anderer Vogel sein, der ihn nachsingt – eine Singdrossel zum Beispiel.
Klaus: Welche Vögel werden uns im Botanischen Garten der Universität Wien aufwarten?
Heinzi: Singdrosseln und Stare sicherlich. Der Botanische Garten ist einer der besten Flecken in Wien um Vogelstimmenzu hören. Er hat ein grosses, breit gefächertes Angebot verschiedener Pflanzen, dadurch viele Insekten und er ist ein relativ ruhiges Gebiet.
Klaus: Warum arbeiten wir zusammen?
Heinzi: Vögel profitiert von den SchnitterINNEn, von Eurer Art der Bewirtschaftung. Wiesenvögel sind jetzt am meisten bedroht und schwer unter Druck. Die Feldlerche zum Beispiel – ein Allerweltsvogel in ganz Europa – geht ganz stark zurück. Es gibt ja kaum noch natürliche Wiesen.voegel,. bildrechte bei Nikkolo Feuermacher 2018

Klaus: Du kommst als Gesandter von BirdLife?
Heinzi: Ich bin freiberuflicher Ornitologe und arbeite in Projekten für BirdLife, aktuell bin ich kein Mitarbeiter. Wenn allerdings Vogelbestände kartiert werden müssen, um Vögel nachzuweisen, dann mache ich das für BirdLife. Vor kurzem gab es eine Wachtelkönig-Kartierung. Der Wachtelkönig ist ein sehr seltener Rallenvogel (das Blesshuhn ist z.B. auch ein Rallenvogel), der in für Rallen verhältnismässig trockenen Wiesen lebt. Er ist weltweit sehr im Rückgang. Sein klassischer Lebensraum sind Wiesen, die nach alter Weise extensiv bewirtschaftet werden. Was er gar nicht mag sind Mähwerke. Die Wachtelkönige brüten nämlich in den Wiesen auf dem Boden. Sie kommen aus dem südlichen Afrika hierher und fangen dadurch verhältnismässig spät mit dem Brüten an (Ende Mai). Im Juni kommen sie leicht in die erste Maht. Sie sind so super getarnt, dass sie nur schwer nachzuweisen sind. Sobald das Weibchen die Jungen hat sind sie fast nicht mehr zu entdecken. Deshalb kartiert man das Männchen, das in der Nacht ruft. Ich bin also beim Kartieren in der Nacht unterwegs und horche auf die Rufe. Wenn ich Wachtelkönige finde wird das Mähen dieser Wiesen dann verschoben. Wachtelkönige stehen unter Naturschutz, also bekommt der Grundbesitzer eine Entschädigung wenn er etwas später mäht um den Jungvögeln das Aufwachsen zu ermöglichen. Ich war gerade an der Mar, wo es solche extensiv genutzen Wiesen gibt. Die Weibchen haben ihr Revier. Die Männchen rufen dort, sie kommen dann und verpaaren sich. Die Weibchen legen die Eier und die Männchen hauen wieder ab. Durch besenderte oder beringte Wachtelkönige weiss man, dass sie in ganz Europa herumfliegen und dort Nachwuchs machen. Es kann sein, dass der selbe Vogel, der sich hier mit einem Weibchen verpaart eine Woche später in Südfrankreich ist und sich dort wieder verpaart. Playboys sind das quasi.
Diese sehr seltene Art profitiert von den SchnitterINNEn, von Eurer Art der Bewirtschaftung.

Klaus: Kannst Du meiner Tochter raten freiberufliche Ornitologin zu werden?
Heinzi: Ich würde sagen „überleg’s Dir noch mal!
Es war nie meine Idee das zu machen. Durch verschiedene Projekte bin ich irgendwie hineingestolpert, werde allerdings nie reich damit. Ich bin kein Mensch, der in einem Büro sitzen kann. Ich führe ein einfaches Leben, bin aber dafür in dieser Jahreszeit jeden Tag in der Natur draussen. U.a. arbeite ich auch als Nationalpark-Ranger und begleite Touren. Wir sind alle abhängig von den sehr guten Förderprogrammen der EU (Europäishce Union). Wenn Österreichische Bundesländer EU-Mittel erhalten, um Natura 2000 Gebiete zu erweitern, brauchen sie Kartierungen und Bestandsaufnahmen der Vögel in diesen Gebieten. In diesen Momenten fliesst genügend Geld, ansonsten ist der Naturschutz immer unterfinanziert. Die stressige Zeit zum Geldverdienen ist für die Freiland-Biologen zwischen März und Juli.

Kaus: Was ist BirdLife?
Heinzi: Die weltweit älteste, am besten vernetzte und weltweit mitgliederstärkste Naturschutz-Organisation, mit dem Blick auf Vogelschutz. BirdLife ist bei uns in Österreich allerdings fast unbekannt. BirdLife ist föderal organisiert, es gibt in jedem Land Vogelschutz-Organisationen, die unter dem Dach von BirdLife International zusammengeschlossen sind. Jede für sich ist eigenständig. Die mitgliederstärksten Länder sind Gross-Britannien und die USA. Die Royal Society of Bird Protection (RSBP) wurde im victorianischen Zeitalter von reichen Britinnen gegründet. In der Hutmode waren damals Federn in. So ergab sich, dass viele Vogelarten, deren Federn die Damen gerne auf den Hüten trugen, vom Aussterben bedroht waren. Die Vögel wurden wegen der Mode erschossen. Die Damen haben sich organisiert um die Vögel zu schützen, den Handel mit Federn zu reglementieren usw., sonst hätte es in 15 Jahren keine Federn mehr gegeben um sie sich an den Hut zu stecken.
Klaus: Es war also eine städtische und keine ländliche Organisation?
Heinzi: Die reichen, aristokratischen Damen haben sie gegründet, aber sie hat sich weiter entwickelt, denn die Briten sind sehr vogelnarrisch. Im UK gibt es im Moment schätzungsweise 10 Millionen Mitglieder.
Klaus: Mehr als es ÖsterreicherINNEN gibt.
Heinzi: Wenn ich dort Wahlkämpfe beobachte, gibt es immer irgend ein vogelrelevantes Thema dabei, denn die BirdLife-Mitglieder stellen eine politische Macht dar. Es ist weltweit einzigartig, dass eine Naturschutz-Organisation so ein politisches Gewicht hat. Dadurch, dass die Briten noch in der EU sind, hat der Vogelschutz auch in der EU ein Gewicht. Es gibt eine Vogelschutz-Richtlinie, die einzige für eine einzelne Tiergruppe. Ich hoffe, dass diese Richtlinie schon so gut etabliert ist, dass sie nicht verschwinden wird, wenn die Briten verschwinden. Die britischen Vogelschützer waren in ihrem Lobbying in der EU sehr erfolgreich. Vögel sind eine Tiergruppe, die von der Oma bis zum Kind jedeR mag. Es gibt viele Menschen, die Vogelhäusel aufstellen, im Winter Vögel füttern. Mit Vögeln kann man viel transportieren. Vögel werden oft als Umbrella-Species (Schirm-Art) verwendet. Wenn man z.B. den Grünspecht oder Wiedehopf schützt und diese Streuobstwiesen brauchenum zu leben, dann schützt man mit den Vögeln auch die seltenen Wiesenpflanzen und die Insekten. Ich schütze ein grosses Spektrum an Tier- und Pflanzenarten, indem ich es an einer Vogelart aufhänge. Vögel sind liebenswert. Niemand will das Vögel aussterben.
BirdLife ist deshalb so wenig öffentlich bekannt, weil sie so viel Lobbying hinter den Kulissen betreibt, den Kompromiss sucht. Von BirdLife wird man nie Keiler auf der Strasse sehen. BirdLife ist nie auf Demonstrationen sichtbar. Manchmal wird schon plakatiert, aber immer eher die positive Nachricht. Unsere Philosophie ist, dass Menschen mit einer positiven Nachricht eher erreicht werden können als mit dem Zeigefinger.
Klaus: Reduzieren sich gerade die Vogelarten auf Grund der Insektenvernichtungsmittel und der Mähtechnik?
Heinzi: Ja, in ganz Europa.
Von BirdLife gibt es für Europa den Bird-Farmland-Index. BirdLife arbeitet dabei mit Citizen-Science zusammen. Vögel sind für Laien viel leichter zu bestimmen als zum Beispiel Insekten. Insekten zu schützen ist schwierig. Der Bird-Farmland-Index zeigt auf, dass in ganz Europa die Zahl der Vögel auf landwirtschaftlicher Nutzfläche um 50% zurück gegangen ist. Nicht die Arten, sondern die Individuenzahl sind weniger. In den letzten 30 Jahren hat Europa die Hälfte aller seiner Vögel verloren. Die Zählungen gibt es seit 30 Jahren. Citizen-Science bedeutet: normale Leute gehen raus und zählen Vögel.
Der Verlust an Vögeln hängt natürlich mit den Insekten zusammen. Nach einer aktuellen Studie sind in Deutschland 80 % der Fluginsekten verschwunden. Der Bösewicht scheinen die Insektizide zu sein, die jetzt verboten wurden, u.a. die Neo-Nikotinoide.
Die grosse Herausforderung für den Naturschutz in Europa ist das Verschwinden der Natur. Das passiert sehr schnell. Damit hat der Klimawandel weniger zu tun, als die Intensivierung der Landwirtschaft. Sie ist das grosse Problem. Die KonsumentINNen haben zwar ein Naturverständnis und wollen ihren bunten Garten haben, sind sich aber nicht bewusst darüber, dass das Fleisch was sie kaufen, die Milch, der Apfel, durch die intensive Landwirtschaft die Natur zerstören.
Klaus: Kannst Du mit der Sense mähen?
Heinzi: Als Kinder haben wir meist nur das Heu zusammengerecht. Mit 12 / 13 durften wir dann aber auch mit der Sense arbeiten. Das meiste haben allerdings Oma und Opa übernommen. „Die Sense ist für die Kinder zu gefährlich!“ haben’s immer g’sagt. Das war in einem Bergbauerndorf – Ischgl – mittlerweile Tourimus-Ort schlechthin. Dort sind erst in den 1950er Jahren Stromleitungen hingelegt worden. Ich habe von meiner Oma sehr viele Gerätschaften (zum Beispiel eine Hand-Waschmaschine) nach wie vor in Verwendung. Mir taugen Sachen, die man mit der Hand betreibt. Damals hat es viele solche landwirtschaftliche Geräte gegeben. Für Zugpferde war es zu steil. Hand-Sähmaschinen hat es gegeben. Das war ja alles schon einmal erfunden ehe alles auf Motoren umgestellt worden ist.
Klaus: Danke für das Interview.