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xbox Schnitter, bild: Nikkolo Feuermacher 2017Mit dem Schnitter aka Marcel Frehe sprach Klaus Kirchner.

Kirchner: Du bist Schnitter?
Schnitter: Richtig.
Kirchner: Wie ist es denn dazu gekommen?
Schnitter: Ende der 90er, ’96/’97 hatte ich meinen ersten PC, es ging ins Internet und da musste man sich die erste E-Mail-Adresse machen, das erste Online-Spiel spielen und brauchte irgend einen Namen. Man musste sich da ja irgendwie präsentieren. Ich wollte mich natürlich mit dem Namen identifizieren.
Terry Pratchett ist schuld. Wegen dem Schnitter in den Scheibenwelt Romanen hab ich mir diesen Namen ausgesucht. Er hat sich dann von Online ins ganz normale Leben übertragen und mein Spitzname ist heute überall Schnitter.
Mein erstes Buch war Gevatter Tod. Ich hab vorher nie viel gelesen. Ein Freund hat mir gesagt „Das wirst Du mögen!“ und gab mir das Buch. Ich so: „Lesen?“
Jetzt hab ich drei Regalreihen voll mit Büchern von Terry Pratchett bis Douglas Adams. Dadurch bin ich zum Lesen gekommen.

Kirchner: Aus dem Roman zur Sense. Heisst der Tod in den deutschen Romanen von Terry Pratchett überhaupt Schnitter?
Schnitter: Der erste Roman mit dem Tod war 1987 Mort, auf deutsch Gevatter Tod. Alles Sense kam 1991 – vier Jahre später – als Nachfolgeroman. In Mort nimmt Gevatter Tod einen Lehrling auf, der heisst Mortimer, also kurz: Mort. In diesem Roman wird der Tod schon mal Schnitter genannt.
Er ist immer leicht zu erkennen im Buch, denn ER SPRICHT NUR IN GROSSBUCHSTABEN. Der Tod wird in den Scheibenwelt-Romanan nicht als böses Omen dargestellt, sondern als etwas, was da ist und mit der Menschlichkeit nicht so klar kommt.
Kirchner: In Alles Sense heisst der Tod Tür?
Schnitter: Ja, das ist die Szene als der Tod auf den Bauerhof kommt, bei der alten Bäuerin an die Tür klopft und meint:

„ICH WÜRDE HIER GERNE ARBEITEN.“
„Guten Tag, mein Name ist Frau Flinkhorst.“
„JA.“
„Und ihr Name?“
Der Tod kuckt nach oben: „HIMMEL?“
„Niemand heisst Himmel!“
„TÜR?“
„Ich kannte mal jemanden, der hiess Türich. Tür kenn ich.“

Dann gibt sie ihm ein paar Vornamen zur Auswahl und schliesslich heisst er BILL TÜR. Grossartiger Name.

Am 28. September 2000 habe ich Terry Pratchett bei der Lesung von Der fünfte Elefant in Hamburg / Deutschland getroffen.
Er kam auf die Bühne, und man muss ihn sich so vorstellen: knapp 1,55 m gross, dicker Rauschebart wie der Weihnachtsmann, mit einem cowboyartigen Schlapphut, der zu allen Seiten runterhängt. So stand er vorne und sagte auf Englisch:

„Willkommen. Ich nehme an Sie können alle lesen, und bei schwierigen Wörtern wird Ihnen sicherlich irgend jemand weiterhelfen. Das heisst: Ich mache heute keine Lesung, sondern ich erzähle einen Schwank aus meinem Leben und Sie können dann ein paar Fragen stellen.“

Das fand ich viel viel besser als eine Lesung, denn das Buch hatte ich. Lesen kann ich wirklich selbst. Das ging fast eine Stunde und danach war Widmung schreiben und Händchen schütteln.

Kirchner: Welche Schnitter-Adressen hast Du denn aktuell gesammelt?
der rattentod als xbox gamepicSchnitter: 2005 kam die erste xbox 360 auf den Markt und dort konnte man sich einen Gamer-Tag [ein Bild und einen Namen um sich darzustellen] nehmen. Da habe ich natürlich Schnitter; auch bei gmx, Twitch; bei Twitter hatte ich den Namen, hab’s dann aber verpasst zu verlängern und jemand anders hat ihn sich geschnappt; 1998 bis 2002 hatte ich die Homepage derschnitter.de. Manchmal musste ich den Namen ändern weil Schnitter schon vergeben war, dann wurde es Schnidda. Das ist ja auch einmaliger, denn Schnitter ist ja auch ein Nachname [wie Müller oder Schuster]. Deswegen krieg ich E-mails für einen Dr. Schnitter, die ich dann immer brav weiterleite. Ne Band Schnitter gibt’s und einen Comic in dem ein Zwergenkönig Schnitter heisst.
Euch habe ich beim googeln unter Schnitter.in gefunden.
Kirchner: Was heisst es für Dich Schnitter zu sein?
Schnitter: Wie mit den meisten Spitznamen nehme ich das einfach hin, aber ich mache natürlich auch meine Spässchen damit: „Ähre für Ähre, nach und nach wird abgeerntet.“ Man sollte sich mit dem WAS IST beschäftigen. Der Tod ist allgegenwärtig. Ich sehe den Namen nicht als DEN TOD an, sondern als die Figur, die in der Scheibenwelt dargestellt ist, mit Mantel, Sense, seinem Pferd – das er liebevoll Binky nennt.

Kirchner: Kannst Du Nicht-SpielerINNEn erklären was xbox ist?
Schnitter: Eine Spielekonsole wie andere auch. Man schliesst sie an den Fernseher an, das ist einsteigerfreundlicher als am PC zu spielen. Man setzt sich aufs Sofa, hat einen Controller [ein Steuer mit Knöpfen und Reglern ] in der Hand, kann spielen, Netflix gucken, im Internet surfen und vieles machen um sich zu unterhalten.
Da bin ich als Schnitter unterwegs. Wenn man mit Leuten online spielt, addet man diese in die Freundesliste, kann sich Podcasts [Video- und Tonaufnahmen] von einander im Internet anhören und so in Kontakt kommen. Meine Freundesliste ist 70% deutsch, 25% aus den USA und der Rest aus der Welt irgendwoher.
Kirchner: Menschen, die diesen Text lesen und eine xbox haben können Dich finden?
Schnitter: Ja, sie brauchen nur „Schnitter“ eingeben, können mich adden, ich seh das dann, und wir können uns dann ganz leicht verabreden: in einem Party-Chat über Headset unterhalten, miteinander skypen. Leute, die die Sense schwingen, dürfen da gerne HALLO sagen.
Kirchner: Mit der Sense zu Mähen ist ja eine ideale Ergänzung zu im Sofa sitzen und xboxen: man ist kurz mal Draussen und im Kontakt mit der Natur. Hast Du das mal ausprobiert? Kommst Du vom Bauernhof?
Schnitter lacht: Nein ich habe alles mögliche in meinem Leben schon gemacht, aber eine Sense habe ich noch nie in der Hand gehalten.
Kirchner: Wenn Du das möchtest, kommt einfach mal vorbei.
Schnitter: Wir Schnitter müssen zusammenhalten.

Marcel Frehe ist 42 Jahre alt und war bis vor drei Jahren Marlboro Menthol Raucher (2 Päckchen am Tag). Er lebt in Salzgitter / Deutschland.Schnitter, bildrechte: nikkolo feuermacher