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Heike Beutel mit Metallic Blau bei Schnitter.in

Heike Beutel
Foto: Antje Zeiss-Loi

Heike Beutel macht Theater u.a. im Sensenhammer. Der daraus entstandene Film „Metallic Blau“ wird als Sensen-Lang-Film am 11. Oktober 2018, 20:00 Uhr in der Sensengasse 4, 1090 Wien gezeigt.
Klaus Kirchner sprach mit der Regisseurin /Autorin /Künsterlin im Vorfeld über Sensen.

Klaus Kirchner: Können Sie mit der Sense mähen?
Heike Beutel: Nein.
Klaus Kirchner: Hatten Sie Berührung mit dem Sensenmähen?
Heike Beutel: Ich weiss von früher, das mit der Sense gemäht wurde, aber ich selber hab das nie gemacht.
Klaus Kirchner: Geht es im dem Stück „Metallic Blau“ um die Sense?
Heike Beutel: Ja. Der zentrale Punkt ist, dass die Sensen der Maria Fiorentino Arbeit gegeben haben. Das Stück ist die Einwanderungsgeschichte der Maria Fiorentino, die auch heute noch in der Nähe des Sensenhammers (heute Museum) wohnt. Sie hat dort die Arbeit ihres Mannes an der Sense übernommen nachdem er tödlich verunglückt war. In sofern hat das alles mit der Sense zu tun.
Klaus Kirchner: Sie haben das Theaterstück in einem ehemaligen Sensenwerk erarbeitet und inszeniert. Wieso Theater im Sensenwerk ?
Heike Beutel: Das steht in einem grösseren Zusammenhang: das Wupper Theater hat sich im Namen des Projektes „Bergische Reise“ mit mehreren Dingen beschäftigt: Zuerst mit „Türkischrot“ nach einem Roman zu den wirtschaftlichen und kulturellen Wurzeln der Färber an Wupper, Rhein und Dhünn. Das haben wir in Zusammenarbeit mit den Wuppertaler Bühnen erarbeitet. „Bergisches Grün“ und „Metallic Blau“ haben dann die Aspekte von Metall und Wasser aufgenommen. Das sind alles bergische Themen.
Klaus Kirchner: Die alle mit Industrie und industriellem Handwerk zu tun haben?
Heike Beutel: Ja, genau.
Klaus Kirchner: Das Sensenwerk ist ein Museum. Man könnte sagen „die Arbeit ist tot“. Warum beschäftigen Sie sich damit?
Heike Beutel: Wir haben uns damit beschäftigt, weil uns die Geschichte der Maria Fiorentino so beschäftigt hat. Das ist ja eigentlich Männerarbeit im Sensenhammer, da arbeiten nie Frauen – soweit ich weiß. In dem Museum sind mir Fotos dieser Frau aufgefallen. Daraufhin sagte ich zur Theaterleiterin Barbara Krott: „Diese Geschichte möchte ich kennenlernen.“ Wir haben Maria Fiorentino dann mit einer italienisch sprechenden Kollegin interviewt, denn Maria Fiorentino spricht immer noch nicht Deutsch – nur gebrochen und ganz wenig. Die Arbeit war ja auch ganz laut, da kommt man nicht ins Sprechen. Ihre Söhne übersetzen ihr immer alles. Als wir sie besucht haben – sie ist Analphabetin geblieben – machten ihre Söhne das alles. Einer ist in Italien und die anderen beiden in Deutschland.
Klaus Kirchner:
Hat Sie die Frauengeschichte in einem Männerberuf interessiert?
Heike Beutel:
Ja, und auch die Einwanderung: wie sie hinkam, was sie dann gemacht hat – eine Leistung denke ich: an den Sensen zu arbeiten und drei Kinder durchzubringen. Sie war sehr jung als ihr Mann gestorben ist. Das hat mich als Einwanderungsgeschichte einer Frau sehr interessiert.
Klaus Kirchner:
Sensen stehen in Österreich gerne als Symbol für Brauchtum, österreichische Kultur, Schmieden als etwas Männliches. Eine MIGRANTIN in der Geschichte ist ungewöhnlich. Wie war die Resonanz auf das Stück?

Sensen Arbeiterin getuscht von Nikkolo Feuermacher 2018

Bild: Nikkolo Feuermacher 2018

Heike Beutel: Sehr gut. Das Publikum war sehr betroffen, es war komisch und tragisch zugleich. Wir haben das so umgesetzt, dass die Schauspielerin (Perpetua Keller) italienisch gekocht hat. Ich hatte das Stück auf sie zugeschrieben, denn ich wusste, dass sie das hinkriegt: tanzen und singen und den Text. Am eindrücklichsten für uns war, dass Maria Fiorentino bei allen Aufführungen immer in der ersten Reihe saß. Sie kuckte sich das an. Bei der Premiere mit sämtlichen Enkeln und allen Verwandten, die da waren. Sie saß weinend da, weil das Stück mit der Sehnsucht nach Italien endet und damit, dass sie hier bleiben muss. Es war zum Lachen, aber eben auch nachdenklich.
Klaus Kirchner:
Welche Menschen kommen in ein Sensenwerk um Theater zu sehen?
Heike Beutel:
Es waren auch welche da, die dort früher gearbeitet haben. Der Förderverein zur Erhaltung des Sensenhammers hat das ja mitveranstaltet, den Film aufgenommen und geschnitten, das war denen ganz wichtig. Es kam Publikum, das regelmäßig in das Museum kommt – es liegt sehr schön im Wald und ist etwas Besonderes. Ich denke: es waren nicht unbedingt die Leute, die ins Stadttheater gehen. Ein sehr gemischtes Publikum, auch „normale Leute“ – und für die ist es am schönsten Theater zu machen.
Klaus Kirchner:
Wo sehen Sie das Stück in Ihrem eigenen Arbeitsprozess?
Heike Beutel:
Das Stück entstand im Rahmen des interkulturellen Wupper Theaters. Damals hatte ich die Möglichkeit, der Theaterleiterin (Barbara Krott) zu sagen, welche Themen mich interessieren und dafür Fördergelder zu bekommen. Eine sehr privilegierte Position. Die Theaterleiterin kenne ich von meinen ersten Theateranfängen am Theater in Tübingen, da habe ich mit ihr als Bühnen- und Kostümbildnerin gearbeitet. Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich mein ganzes Theaterleben mit ihr zu tun habe. Sowohl im Wupper Theater, das ich seit zwei Jahren leite – mit ihr im Hintergrund -, und auch an fast allen Stadttheatern an denen ich gastiert habe, hat sie Bühnenbild und Kostüm gemacht. Wir haben sehr viel zusammen gearbeitet und werden nächsten Sommer auch wieder Theater zusammen machen. Im Augenblick machen wir beim Wupper Theater (neben einem Kabarettprogramm mit einer türkisch-stämmigen und einer deutschen Schauspielerin) vor allem Workshops für Jugendliche – auch geflüchtete Jugendliche. Kontinuierlich arbeiten wir mit unserer Jugendgruppe an immer neuen Projekten. Ich arbeite an derSchauspielschule und inszeniere dort auch als Regisseurin, habe eine Agentur Künstler á la cartewo wir Veranstaltungen für Firmen und Privatleute gestalten. Ich bin in allen Gesellschaftsschichten unterwegs, da kann ich nicht abheben und das ist gut so.

Arbeiterin von Nikkolo Feuermacher

Bild: Nikkolo Feuermacher 2018

Klaus Kirchner: Wie sind Sie heute inhaltlich unterwegs?
Heike Beutel:
Das ist unterschiedlich. Demnächst inszeniere ich im Sommertheater eine Auswanderergeschichte, die auf der Geschichte einer jungen Frau in der Pfalz basiert, die nach Amerika emigriert ist. Immer wieder ein Thema, das mich sehr interessiert. Natürlich mache ich in der Schauspielschule aus pragmatischen Gründen auch andere Inszenierungen: Sommernachtstraum, Dschungelbuch, …
Ich mache sehr gerne Stücke, die auch mit Industriegeschichte zu tun haben: 2010 mitWorking Class HeroesTexte, Interviews, Lieder von Bergleuten, die in den ehemaligen Zechen gearbeitet haben. Das wurde an fünf Zechen aufgeführt. Industrieorte, an denen man Kultur macht und die eine Geschichte mitbringen, haben mich immer interessiert.
Klaus Kirchner:
Wenn ehemalige Industrieorte einfach abgerissen würden und darauf Bäume gepflanzt oder Häuser gebaut. Wäre das gut – oder ein Verbrechen? Muss man Industrieorte bewahren?
Heike Beutel:
Ich sage ganz deutlich, dass man die bewahren muss. Auch als Dokumente für die junge Generation, damit sie sich mit der Geschichte beschäftigt. Im Ruhrgebiet sind die ehemaligen Industrieanlagen heute andere Erlebnisorte. Oft führen ehemalige Bergleute durch sie hindurch. In Duisburg zum Beispiel, in der Zeche Zollverein auch. An die Führenden kann man Fragen stellen. Ich habe da selbst auch schon teilgenommen. Es ist sehr ergreifend, wenn sie erzählen, unter welchen Bedingungen Arbeit stattgefunden hat. Gerade für junge Leute finde ich es wichtig, das zu sehen, auch was die Sense anbetrifft. Es ist eine so schwere Arbeit, Sensen zu schmieden. Ich weiß gar nicht wer das heute noch machen würde.
Klaus Kirchner:
In Österreich gibt es – meines Wissens nach – noch zwei Sensenschmieden. Mit einer davon können wir kooperieren. Die Menschen dort schmieden die Sensen, die wir für unsere Kurse verwenden. Dort werden Sensen für Kanada, Neu-Seeland, UK, … bestellt, denn die Kunst „gut zu schmieden“ ist dabei zu verschwinden. 2014 wurde das Sensenschmieden als österreichisches Weltkulturerbe anerkannt.
Heike Beutel: „Metallic Blau“ 
habe ich auf der Grundlage der Biografie der Maria Fiorentino sehr gerne geschrieben und inszeniert. Ich finde es wichtig, solche Geschichten zu bewahren.
Klaus Kirchner:
Danke für das Gespräch.

Wer jemanden zum Film am 11. Oktober 2010 einladen möchte kann das mit dieser digitalen Postkarte tun.