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slow tool von Nikkolo FeuermacherKlaus Kirchner: Jean-Martin Fortier verwendet Low-Tech-Maschinen. Wir von Schnitter.in würden gerne Prototypen dazu entwerfen – das ist vom Denken her nah an der Sense. Was heisst das?
Wolfgang Palme: Fortier, der Marketgardener, hat vor 20 Jahren (gemeinsam mit seiner Frau – als junges Paar) begonnen ohne Geld Gemüsegärtner zu werden. Das ist bei jungen Leuten nichts aussergewöhnliches – lacht. Seine Fragen waren: „Wie kann ich mit einfachen Mitteln einen Betrieb entwerfen, der wirtschaftlich voll funktionsfähig ist? Mit dem man sich nicht verausgabt, nicht verschuldet, nicht abstürzt? Der wirtschaftlich gut läuft und gemüsebaulich gut auf kleiner Fläche produziert?
Das hat gut in meine Forschungsarbeit gepasst. Meine Vision ist: Eine Gesellschaft, die von einer kleinstrukturierten, konsumentennahen, resourcenschonenden und biologisch nachhaltigen Produktion versorgt ist.
Die City Farm ist für mich ein Arm an dieser Vision zu arbeiten. Es geht aber auch darum eine tragfähige Basis für den professionellen Gemüsebau zu schaffen. Jean-Martin Fortier sagt: „Don’t grow bigger, grow better.
Das tiefsitzende Stereotyp: „Je grösser man ist, desto wirtschaftlicher kann man arbeiten“ treibt Bauern in eine Hetzjagd. Meiner Überzeugung nach ist das eine der schlimmsten Sackgassen der Landwirtschaft. Irgendwann verstottert man sich darin oder man scheidet aus.
Kirchner: Der Tomorrow-Film (Cyril Dion, Mélanie Laurent, Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen, 2014) zeigt klar, dass grössere, mit riesigen Maschinen befahrene Flächen, nie die Produktivität von kleinen, feingliedrigen Gärten erreichen?
Palme: Ja, das erreicht man nicht. Uns wird immer eingeredet die agro-industrielle Landwirtschaft wäre effizient. Das ist sie weniger denn je. Eine Untersuchung hat das Input-Output-Verhältnis in der Landwirtschaft betrachtet: in den 1830er Jahren war es 1:5 (eine Energie-Einheit – vor allem Handarbeit / Tierarbeit – wurde hineingesteckt und 5 Einheiten Energie hat man durch die erwirtschafteten Lebensmittel herausbekommen), dann wurden Verbesserungen gemacht und 1910 war es 1:9, Heute ist es 1:1 ! Wir blicken Heute nur auf die rechte Seite und sehen das exponentielle Ansteigen der Erträge, der produzierten Masse. Wir sehen nicht die linke Seite, bei der der Input ebenfalls exponentiell gestiegen ist. Dabei sind die Geräte ein Schlüsselfaktor. Wir sind übertechnisiert. Das hat mit Investitionskosten zu tun, mit einem gewaltigen Resourceneinsatz, der in keinem Verhältnis zum Output steht. Das macht die Landwirtschaft heute extrem ineffizient. FAO (Food and Agriculture Organisation of the United Nations) Studien zeigen weltweit: „eine kleinteilige, kleinstrukturierte Landwirtschaft ist wesentlich effizienter in ihrer Funktion Lebensmittel zu erzeugen, als die Agro-Industrie.
Kirchner: Was Sie sagen hat revolutionäres Potential. Dann ist z.B. Landgrabbing in Afrika, Südamerika und anderen Ländern nicht nur nur Diebstahl sondern potenzierter Wahnsinn?
Palme: Richtig. Wir machen es hier schon nicht gescheit und nehmen dort noch Menschen Flächen weg, um unser Unvermögen auszubreiten. Anders funktioniert es: es gibt in Österreich eine Szene, die sich gerade aufbaut, die wir mit unserer Forschungsarbeit unterstützen wollen. Der Familienbetrieb ist in Österreich nichts neues, aber er ist bedroht. Seit 1994 haben viele Betriebe zugesperrt, weil auch die EU Grösse belohnt und nicht Effizienz. Vom ganzen Förderwesen her ist das so, bis zu den Wegen wie Agrarprodukte gehandelt werden. Das ist genau die falsche Richtung. WIR möchten den Menschen, die GemüsebäuerIN werden wollen, ein Werkzeug (im konkreten und übertragenen Sinn) in die Hand zu geben, mit dem sie wenig investieren müssen und profitabel arbeiten können. Jean-Martin Fortier ist ein beinharter Rechner. Er hat von Anfang an den Betrieb so konzipiert, dass er sich rechnet und sie GUT leben können, nicht nur überleben.
Ich überlege mir also: „Was kostet ein Traktor?
Es gilt: Ich brauche KEINEN Traktor in einem klein strukturierten Betrieb.“ Also fragt sich: „Was brauche ich in welcher Grössenordnung?“ Der Vorteil eines klein strukturierten Betriebes ist: „dass ich sehr flexibel bin und wenig Resourcen reinstecken muss.“ Einen Traktor brauche ich, wenn ich kilometerweit herumfahren und hektarweise bearbeiten muss. Wenn meine Beetgrösse 75 mal 30 Meter ist (das ist Jean-Martin Fortiers Grundgrösse, die hat er so 50 mal), dann fange ich mit einem Traktor überhaupt nichts an. Dann spare ich schon einmal so viel Geld, dass ich mir ganz viele effiziente, ergonomisch passende Kleingeräte leisten kann. Jetzt sind wir bei den Geräten. Mir geht es NICHT um die Idylle des Vergangenen, ein „früher war alles so schön und da haben wir …„.
Es hat keinen Sinn das zu verklären, denn es war wirklich ein schweres Leben damals BäuerIN zu sein. Aber damals wurden ein paar Prinzipien verstanden: wie resourcen-schonend gearbeitet werden kann. Diese Prinzipien haben wir grosszügig über Bord geworfen, weil wir geglaubt haben wir hams eh. Alles wurde mit Energie-, Material- und Ressourcen-Einsatz kompensiert.
Zum Beispiel: Das Mistbeet-Kasten-Prinzip, wo der Abbau organischer Substanz Wärme erzeugt, die zur Saison-Verlängerung verwendet wird. Das wurde über Generationen praktiziert, Heute nicht mehr. „Weil ich ja nur die Heizung im Glashaus höher aufdrehen muss und es hat sich erledigt.
WIR haben bei uns am Zinsenhof ein Verfahren entwickelt, bei dem der Low-Energy-Gedanke (das Mistbeet-Prinzip) in einen modernen Folientunnel übersetzt wurde. Und wir pflanzen jetzt Ende Februar unsere ungeheizten Paradeiser und ernten Ende Mai die ersten reifen Früchte. Wir haben einen Ganzjahres-Ertrag, der um 60% – 70% höher ist als im herkömmlichen System – und haben eine Frühernte. Es ist eine Riesenernte, die Pflanzen sind am Ende der Saison 5 m lang. Aber ich habe in diesen Folientunnel nicht einen Tropfen Erdöl hineingeheizt.
Kirchner: Was jetzt erzählt wird kommt aus der Forschung am Zinsenhof, nicht aus der City Farm in Wien?
Palme: Ja. Die City Farm hat auch Mistbeet-Kästen, aber meine Seminare in diesem Bereich richten sich an die Profis. Die Forschungs-Aussenstelle Zinsenhof (Gemüsebau Versuchsanlage Zinsenhof) in der Nähe von Melk / Österreich ist meine Versuchs- und Experimentierstation. Dort wird alles entwickelt. Auch die Profis können da zu uns kommen und das tun sie auch jedes Jahr in vielen Gruppen. Ich betreue Exkursionen und halte Vorträge um die Erkenntnisse für den Profianbau zu vermitteln, zum Beispiel ganz bewusst für Biobetriebe.
Als Voraussetzung für den Erfolg der Betriebe gilt allerdings: Ich muss die Geschichte DIREKT kommunizieren können! Ich muss den KundINNen erzählen können wie dieses Lebensmittel entstanden ist. Wenn ich sagen kann: „Dieser Paradeiser – Ende Mai – ist nicht geheizt worden.“ „Wie geht das?“ „Ich hab einen Mistbeet-Kasten gesetzt, ich mache eine Dammkultur.“ Wenn ich das kommunizieren kann ist es entscheidend. Dann wird das Produkt unaustauschbar. Dann brauche ich mich was den Preis betrifft nicht mit sizilianischen Paradeisern herumschlagen. Ich habe ein individuelles Produkt. Das geht nicht über den Supermarkt oder ein Label. Das braucht Kommunikation.

Wolfgang Palme von der City Farm Wien

Wolfgang Palme

Die moderne Landwirtschaft lebt davon, dass man die Geschichte NICHT so genau erzählt. Man nimmt etwas heraus und redet von Schweinchen, Marienkäfern und von Nützlingen. Aber dass das ganze erdelos, geheizt und belichtet ist, das erzählt man natürlich nicht gern. Wenn ich die GANZE Geschichte offenlegen kann, macht das mein Produkt unendlich wertvoll: weil es unaustauschbar ist. Und weil das fast plakativ ist: Der Salat zu Weihnachten. Das brauche ich nicht zu verschweigen, im Gegenteil: das macht es einzigartig. Und dann kriege ich auch den fairen Preis, der mir und meinem Betrieb das Überleben sichert. Wo der Kunde sagt: „Dieser Preis ist mit einem Wert verbunden. DEM bin ich bereit zu geben, damit DER so weitermachen kann.“ Wenn direkte Kommunikation entsteht und wächst, dann entsteht auch gegenseitiges Verständnis. Das ist heute notwendiger denn je, denn die Anonymisierung in der Supermarktschiene ist einseitig. So viel ist verloren gegangen, und da sind wir wieder beim urbanen Gärtnern. Kleingeräte sind ein Teil davon. Ich kann ein Werkzeug in die Hand nehmen, das 2.000 € kostet statt 200.000 €. Es ist ergonomisch und ich arbeite mit modernen Materialien. Es geht nicht darum das alte herauszukramen, man muss es adaptieren.
Kirchner: Für die Sensenkurse verwenden wir Sensen, die Sensenschmiede 2010 konzipiert haben. Vorher waren die Sensen nach dörflicher Tradition in althergebrachter Form geschmiedet: „Wir wollen die Sensen in der Form die wir schon immer im Dorf hatten. Die Sensenform vom Nachbardorf geht nicht, denn dort wohnen ja nur Trotteln.2010 wurde nach ergonomischen Prinzipien geschmiedet und Formen nach ihrer Wirksamkeit kombiniert. Der Sensen-Wurf, den wir SchnitterINNEN verwenden, ist nach 2004 von Martin Strub (einem schweizer Tischler, der 12 verschiedene Griffe tischlern kann- für jedes schweizer Tal einen anderen) zusammen mit Peter Vido ( einem kanadisch-tschechischen Schnitter) entwickelt worden. Ergonomisch kann er verschiedenen Körpergrössen und Proportionen angepasst werden. Mittlerweile gibt es in Österreich einen Hersteller, der ihn nachbaut und in Wien mit Valentin Drössler einen Tischler, der Menschen begleitet ihre eigenen Würfe für sich selbst zu bauen.

Sense für LinkshänderINNEN

Linke Sense blauschwarz, 65 cm

2016 hat Schnitter.in linke Sensenblätter für Linkshänder schmieden lassen – in einer neuen Form – weil es keine guten Sensenblätter für Linkshänder zu kaufen gab. Es ist wichtig zu wissen „Wer macht was?
Palme: Wir haben gute Erfahrungen mit den Radhacken. Eine Radhacke ist nicht nur ein Kleinwerkzeug, sondern ein Werkzeugträger an den Pendelhacke, Striegel und anderes geschraubt werden kann. Seitdem es E-Bikes gibt, könnte man auch Radhacken mit Elektromotor bauen – warum gibt es die noch nicht? Man könnte in diese Richtung etwas entwickeln, da gibt es ein Potential.
Kirchner: Der Strom dafür könnte aus Solarenergie vom eigenen Dach gezapft werden.
Palmer: Eliot Coleman (Buch: Eliot Coleman (Übersetzung Angelika Palme), Handbuch Wintergemüse, 2014) , ein Pionier des Wintergemüses aus den USA, hat eine Bodenfräse entwickelt, auf der du deinen Akuschrauber befestigst. Du ziehst oben am Schnürl, dann bewegt sich das unten und macht nur die ersten 3 – 4 Zentimeter in deinem Beet sääfertig. Du zerhackst nicht deine Regenwürmer. Das sind ganz einfache Kleingeräte in der Grösse für einen Hektar. Und wenn du von einem Hektar gut leben kannst, dann brauchst du keine grösseren Gerätschaften. Fortier hat das genau so entwickelt. (Buch: Jean-Martin Fortier, Bio-Gemüse erfolgreich direkt vermarkten, 2017, – Vortrag im Internet: bei Arche Noah).
Kirchner: Schnitter.in bietet im interprofessionellen Team an für bestimmte Betriebe das passende Werkzeug zu entwickeln. Spezifisch für DIE Flächen und Bedingungen – um vor Ort Werkzeuge zu optimieren.
Palme: Bei unserem Vielfaltstag haben wir an 8 Stationen unterschiedliche Geräte für unterschiedliche Bedürfnisse ausprobieren lassen: alles mögliche, von Bodenbearbeitung, Aussaat bis zur Beikrautregulierung. In Österreich ist es schwer mit den Bezugsquellen. Es gibt etwas in Frankreich, in den USA, aber im deutschsprachigen Raum gibt es keinen Maschinenhändler oder Werkzeugmacher. Wenn es jemanden gäbe, der das entwickeln, adaptieren und verbessern würde, der Bedarf wäre da.
Kirchner: Uns interessiert die direkte Zusammenarbeit mit den Leuten, die die Werkzeuge oder Hilfen brauchen.
Palme: Danke.
Kirchner: Danke.werkzeug machen, reparieren, verbessern, erfinden