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Baumgeist, Zeichnung von Nikkolo Feuermacher 2018

Baumgeist nach „Prinzessin Mononoke – もののけ姫“ von MIYAZAKI Hayao, 1997

Wolfgang Palme von der City Farm Wien sprach mit Klaus Kirchner
Kirchner: Mit Urban Gardening verbinden viele Menschen die Hoffnung auf die essbare Stadt und Ernährungsouveränität?
Palme: Urbanes Gärtnern ist mehr als ein Trend. Es ist eine ganz logische Entwicklung zum aktuellen Zeitpunkt in einer digitalisierten Welt. Wir haben unendliche Informationen gewonnen und viele konkrete, lebensnahe, existenzielle Bezüge verloren. Bezüge zu den Lebensgrundlagen, die uns alle ausmachen. Dazu gehört ganz elementar das Essen, die Bewegung, die körperliche Betätigung, der Kontakt zu Boden / Pflanze / Mensch und Tier.
In der Grossstadt, wo wir alle kleinteilig in Spezialbereichen beruflich beschäftigt sind, haben wir das Ganze – in der Flut der Informationen – verloren. Deshalb suchen wir die Basis unseres Lebens. Darin gründet für mich die Entwicklung zum Gärtnern in der Stadt. Die Pflanze, das Lebensmittel, die Entstehung von Lebensmitteln, kann so spürbar gemacht werden durch Urban Gardening. Im Kleinen ist es die Paradeis-Pflanze im Topf, die Hühnerhaltung im Hausgarten. Es fängt einfach an und kann auch am Fensterbrett praktiziert werden. „Ich brauche nicht viel um mitmachen zu können.“ Das ist auch unsere Botschaft in der City Farm: „Der kleinste Garten ist Dein Topf.“ Niemand ist ausgeschlossen, es braucht keine Voraussetzungen dafür. Du musst nicht den Garten mit 4.000 qm Gemüsefläche haben, es geht auch auf kleinstem Raum. Es wird nicht zur 100%tigen Selbstversorgung reichen, aber es geht ja um die Elemente, die notwendig sind die erlebbar gemacht werden. Menschen müssen dazu herangeführt werden das wieder für sich zu entdecken.
Kirchner: Entwickelt sich in Wien eine Vision der essbaren Stadt?
Palme: Wir sind noch Kilometer weit entfernt davon. Wien ist AUCH eine Gartenstadt, dadurch dass wir viel Produktion innerhalb der Stadtgrenzen haben: Wein, Gemüse, Landwirtschaft. Wien hat von alters her eine lange Tradition: die LGV (LGV-Frischgemüse ist eine Genossenschaft aus rund 110 Gemüsegärtnern) mit ihren Gärten, die Winzer. Die Selbstversorgung der Stadt ist eine Seite. Fragt sich nur: Wie konsequent lebt man das? Die LGV exportiert das Gemüse als regionales Produkt auch nach Vorarlberg. Gemüsebau und professionelle Landwirtschaft sind nicht so ausgerichtet, dass wir die Ernährung der Stadt im Blick haben.
City Farm heisst NICHT nur „innerhalb der Stadt professionell Lebensmittel herstellen„. Nicht die Vollversorgung ist das oberste Ziel, sondern das Element zu integrieren. Damit wir und das städtische Publikum verstehen wie die Zusammenhänge funktionieren.
Kirchner: Wer ist von den Flächen her gefordert? Die Stadt Wien? Die Grundbesitzer, die Vermieter, die Mieter?
Palme: Ich glaube das ist sehr vielfältig. Die Stadt Wien ist natürlich ein wichtiger Ansprechpartner und sie hat mit der Förderung von Gemeinschaftsgärten begonnen – allerdings nur einen pro Bezirk. Aber es gibt in Wien mittlerweile 69 Gemeinschaftsgärten. Das sind immerhin schon drei pro Bezirk. Trotzdem ist das noch ausbaufähig. Es gibt viele kleine Initiativen, die nicht alle unter ein Dach müssen. Es ist auch schön, wenn man nicht alles immer auf einer Website ablesen kann, was sich tut. Nachbarschaftsinitiativen, Grünscheibenbegrünungen, ein paar Blumen säen sind ebenso Urban Gardening. Jede einzelne dieser Initiativen ist begrüssenswert. Urbanes Gärtnern ist es nicht nur wenn der Gemeinschaftsgarten gegründet ist. Ein Kollege von mir beschäftigt sich in der Abteilung Gartengestaltung mit Stadtbäumen, Fassadenbegrünungen, dem Grün in der Stadt. Das hat nichts Essbares an sich. Es geht um das Stadtklima, das positiv geprägt wird wenn mehr Pflanzen in der Stadt leben – und zwar GUT leben. Er ist darauf gekommen, dass in Wien Stadtbäume nur 20 – 25 Jahre alt werden und dann absterben. Es fehlt an der Grundversorgung damit so ein Baum wirklich alt werden kann. Erst wenn er alt wird erfüllt er aber seine umfassenden Funktionen. Wie kann man das verbessern? Der Kollege arbeitet an Substratentwicklung und an der Frage: „Wie kann man den Unterbau von Strassen so verändern, dass er von Pflanzen durchwurzelt werden kann ohne, dass es alles sprengt?“ Es gibt dazu in Skandinavien sehr gute Erfahrungen und Neuentwicklungen. Auch das gehört natürlich zum Urbanen Gärtnern. Allerdings ist es nicht so, dass wir in Wien Weltmeister darin wären.

Wolfgang Palme von der City Farm Wien

Wolfgang Palme

Kirchner: Was ist mit den Kleingärten?
Palme: Die Kleingartenvereine haben in Wien eine lange Tradition. Sie kommen daher wo wir hin wollen, aber sie haben sich von dort wegbewegt. Die Kleingärtnervereine haben sich nach langen Kämpfen dahin entwickelt, dass man auf den Gärten ein Haus bauen darf. Es ging ihnen um das Haus, das permanente Wohnen, den Swimming-Pool, den Zier- und Repräsentationsgarten. Weil der Nutzgarten in der Vergangenheit so dominant war? Der Drang sich selbst zu versorgen – aus einer Mangelsituation nach dem Krieg – ist nicht der Zugang für das Heute. Sie mussten wahrscheinlich ein bisschen weg, um sich wieder bewegen zu können. Es gibt eine Kleingartenakademie mit Schulungen, um sich wieder neu dem Gemüse zu öffnen. Ich selbst bin dort als Referent in der Ausbildung von Fachberatern tätig. Da tut sich einiges, aber das Gemüse hat noch nicht wieder an Stellenwert gewonnen.

Kirchner: Ein Hochbeet 70 mal 200 Zentimeter im Hinterhof kann schon etwas?
Palme: Da kann man schon sehr viel machen. Vor allem wenn entdeckt wird, dass Gärtnern eine Ganzjahresbeschäftigung ist. Das Gärtnern rund ums Jahr ist etwas, das uns bei der City Farm ganz wichtig ist, mir auch fachlich wichtig ist. Es gilt für die Profigärtner genauso wie für die Hausgärtner: „Im April kommens drauf, dass die sogenannte SAISON beginnt. Dann rennen sie in den nächsten Gartenmarkt oder Diskonter, kaufen sich Pflänzchen und bepflanzen alles – und Ende September lesen sie in den ersten Gartenzeitschriften schon wieder, dass man das Beet räumen sollte, weil Herbst und Winter kommen – und dann ist es schon wieder vorbei. Sie haben ein Drittel bis ein Viertel des Jahres genutzt. WIR wollen das Ganzjahresgärtnern fördern. Da kann man von 70 mal 200 Zentimetern erstaunlich viel herunterernten. Wenn ich geschickt bin, den Platz gut nutze und mir meinen Anbauplan zurecht lege, ist es ist erstaunlich wie viel im Jahreszyklus möglich ist. Das erfordert nicht nur Übung sondern vor allem Mut zum Ausprobieren. Das ist es, was oft in der Stadt fehlt. „Die Menschen haben so viel Angst etwas falsch zu machen. Deswegen trauen sie sich gar erst nicht zu beginnen. Ich habe es schon ein paar mal gehört: „Ich bewundere wie der und jener das macht, aber ich kanns nicht.“ Dann setzen sie sich ihre Thujenhecke hin.

Nikkolo Feuermacher sagt GENIESSENPalme: Was man beim urbanen Gärtnern nicht aus dem Blick verlieren darf ist das Element „wir gärtnern gemeinsam“ und das Teilen, bis zum Kochen und Geniessen. Das braucht’s im städtischen Umfeld mit all der Anonymisierung. Dem entgegen zu wirken ist ein Potential des urbanen Gärtnerns. Bei unseren Kursen, bei den Kinderworkshops, geht es immer bis zum Geniessen. Es geht darum „Gemüse ganz neu zu vermitteln. Das Problem von Gemüse ist, dass es so gesund ist. Da duckt sich jeder. Die Spirale des schlechten Gewissens bringt uns nicht weiter, weil man die Zähne zusammenbeisst. „Mit zusammengebissenen Zähnen kriegt man aber nichts rein.“ Die Freude öffnet Herz und Mund. Wenn man es gemeinsam macht und es selbst zubereitet.
Zum Beispiel: Bei einer Schulklasse im Frühling gab es eine Aktion mit Wildkräutern, wo wir Aufstriche gemacht haben. „Die Kinder haben nie verstanden was ein Aufstrich ist, denn das kauft man ja fertig in der Dose mit 5 E-Nummern. Jetzt schütteln wir mit Obers Butter und mischen die mit Topfen, Salz, Kräutern – das macht Spass. Und da war ein Bub, der hat 11 Brote gegessen. Elf. Weil er es selbst gemacht hat, weil es ihm so geschmeckt hat.
Da staunen manche LehrerINNEN: wer alles Gemüse isst der vorher auf Vermeidung spezialisiert war. Das gemeinschaftliche Element darf auf keinen Fall übersehen werden. Gemeinsam mit Sensen mähen hat ja auch eine Kraft: die Freude an der Gemeinschaft.
Und es geht – wie beim Mähen mit der Sense – auch um das handwerkliche Element, um Fertigkeit mit der Hand.
Ein Beispiel: Junior-City-Farmer, die ihr Beet besääen sollen, stellen sich in einer Reihe auf und die Workshop-Leiterin gibt die Samen aus. Da stehen Kinder und strecken ihre Hand flach hin. „Das geht nicht, Du musst ein Schüsserl machen, sonst kann ich die Samen nicht reinlegen.“ „Ach so.“ – „Und dann nehmen sie das Schauferl so, dass du das Gefühl hast, du müsstest ihnen den Kopf stützen.
Ich glaube, dass in unserer digitalisierten Welt handwerkliche Fähigkeiten ein grosses Defizit sind. Das hat etwas mit Persönlichkeitsbildung zu tun. Den Garten kann man nicht downloaden. Ich kann es nur erfahren indem ich es selbst tue. Es kommt nicht aus einem Buch, einem Film, aus youtube. Man muss es selbst probieren. Es gibt keine Abkürzung. Das Gefühl ICH KANN ETWAS hat man praktisch erst wenn man es getan hat. Das ist schön.
Kirchner: Danke.