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Baum von Nikkolo Feuermacher, alle Rechte 2018Stefan Schmidt (Baumforscher in Wien): Welche Bäume pflanze ich in die Stadt? Da gibt es grosse Veränderungen in der Geschichte der Stadt. Früher wurden Bäume in die Mulde zwischen Strassendamm und Gehsteig gepflanzt um die Fahrbahn zu entwässern. Heute sind die Strassen perfekt trocken, weil wir alles Wasser in den Kanal ableiten. Auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel brauchen wir heute Bäume, die mit Trockenheit gut zurecht kommen. Das sind ganz andere Bäume als sie vor 100 Jahren an der Ringstrasse gepflanzt wurden. Früher haben wir Linden, Ahorn, Kastanien, Platanen gepflanzt – alles Bäume die aus Auwäldern kommen. Sie lieben es im Feuchten zu stehen.
Klaus Kirchner: Wir WienerINNEN glauben wir leben in der Au, weil die Donau vorbeifliesst?
Stefan Schmidt: Wir haben aber nicht verstanden: die Stadt wurde mit der U-Bahn und allem was unten drunter gebaut wurde, gründlich entwässert.
Kirchner: Der Wienfluss ist ja nur eine Betonrinne wo man ihn sehen kann. Bei der 3te-Mann-Tour, die ich einmal gemacht habe, wurde mir erzählt, dass die Wien so angelegt ist, weil die Stadt mit den Wassermassen bei starken Niederschlägen gar nicht anders umgehen kann?
Schmidt: Es gibt Zeiten zu denen ist der Wienfluss bis unter die Brücken eine braune Masse, die sich zum Donaukanal wälzt.
Alle Bachläufe sind zubetoniert, da versickert nichts zwischendurch, es gibt keine Nebenflüsse – keine Möglichkeiten für das Wasser sich auszubreiten – alles wird vom Wienerwald aus bis an die Donau kanalisiert. Früher konnten sich Gewässer verbreitern, aber das gibt es nicht mehr, weil die Stadt am Ufer liegt. Das Wasser vom Wienfluss kann nicht in den Stadtboden eindringen.
Kirchner: Mit einer Schwammstadt wäre da Abhilfe zu schaffen?
Schmidt: Wenn es bei jedem Kanaleinlauf gelingt, einen Teil des Wassers im unmittelbaren Umfeld unter der Strasse zu halten, werden natürlich die Niederschlagswasserspitzen reduziert. Damit verschwinden dann die Hochwasserspitzen. Beim Wienfluss liegt der Ursprung des Problems flussaufwärts im Wienerwald, aber für die Stadt wäre der Schwamm eine Lösung.
Kirchner: Wenn ich mir vorstelle unter der Stadt wäre ein Schwamm, der ganz viel Wasser aufsaugen kann bis er voll ist? Der Rest fliesst weiter?
Schmidt: Ein Teil versickert unter dem Schwamm, dann wird Wasser von den Baumwurzeln aufgenommen und Feuchtigkeit verdunstet, wir haben frische Blätter, die die Luft reinigen. In Stockholm, Kopenhagen und vielen Städten in Skandinavien fliesst nicht nur das Niederschlagswasser der Strassen in diesen Schwamm, sondern auch das Regenwasser von den Dächern der Gebäude. Die Dachrinnen enden offen, im Gehsteig gibt es eine kleine Mulde und das Wasser läuft quer durch diese Mulde. Völlig unproblematisch fliesst es dann in unseren Schwamm oder in einen Kanal. Wichtig ist, dass den Schweden die Dachwässer auch helfen den Salzgehalt des Abwassers der Strassen so zu verdünnen, dass es unter dem für Pflanzen toxischen Wert sinkt. Dadurch gibt es weniger Probleme mit dem Salz in den Blättern. Bei uns sind die Böden völlig versalzen. An der Ringstrasse in Wien, vor der Börse, haben wir einen Versuchsbaum stehen, an dem wir alles messen was geht. Unsere Messgeräte für den Salzgehalt waren nach einem Jahr kaputt, so versalzen, dass sie nichts mehr messen konnten. Der Baum ist auch eingegangen.
Kirchner: Welche Bäume kann man heute in der Stadt pflanzen?
Schmidt: Die Bäume müssen sowohl gelegentlich stauendes Wasser aushalten, aber die meiste Zeit über Trockenheit. Das sind interessanterweise wieder Bäume aus Flussauen, aber von einem anderen Standort: Heisslände oder Schotterbank. Da stehen die Bäume lange im Trockenen, dann ist Hochwasser und sie stehen kurz unter Wasser. Eine ganze Palette solcher Bäume werden gerade von meinen Kollegen in Süddeutschland (Veitshöchheim, Würzburg, Hof) getestet. Veitshöchheim ist vergleichbar mit Wien: wenig Niederschläge, Weinbauklima.
Kirchner: Am Stubenring in Wien sind drei neue Bäume gepflanzt, die keine Kastanien sind, sondern Wedel haben und ungewöhnlich ausschaun?
Schmidt: Das sind Zirkelbäume – Celtis Australis, die grosse Hoffnung für die Wiener. Sehr trockenheitsverträglich, werden auch gross. Wenn sie grösser sind schauen sie nicht mehr so ungewöhnlich aus. Ich sehe das kritisch, dass die Wiener so sehr auf den Zirkelbaum setzen. Es ist gefährlich auf nur eine Baumart zu setzen, denn wenn man Pech hat bekommt der eine Krankheit und man verliert mit einem Schlag sehr viele Stadtbäume. So war das mit den Kastanien. Die Ulme war einmal Stadtbaum Nummer Eins, Baum für die historischen Gärten, Schönbrunn war im 18. Jahrhundert mit Ulmen bepflanzt. Irgendwann sind alle gestorben und die Ulmen sind aus dem Stadtbild verschwunden. Jetzt gibt es Ahorn, Linden, Kastanien.
Kirchner: Jetzt sterben gerade die Eschen?
Schmidt: Ja, die Eschen sterben gerade. Von den Platanen hat man gedacht sie würden auch sterben, aber sie haben es irgendwie überwunden. Auch bei den Ulmen gibt es inzwischen Arten, die gegen die Krankheit resistent sind. Man kann jetzt wieder Ulmen pflanzen. Sie halten das Stadtklima gut aus und sind verträglich, die neuen, immunen Ulmen.Baum in der Stadt, Bildrechte bei Nikkolo Feuermacher 2018

Kirchner: Was ist der Grund für die Plastikschläuche, die manchmal bei neu gepflanzten Bäumen aus dem Boden ragen?
Schmidt: Diese Schläuche sind eine Giesseinrichtung. Oben wird Wasser hineingegossen, es läuft nach unten und breitet sich aus.
Kirchner: Ach, das ist zum Giessen, bei uns stecken da oft Zigarettenpackerln drinnen.
Schmidt: Da kann man alles mögliche hineinstecken, aber die Giesseinrichtung ist auch so nicht sinnvoll, denn das Wasser läuft unten um den Ballen herum und nicht dorthin wo ein junger Baum das Wasser braucht. Besser sind die grünen Säcke, die jetzt manchmal zu sehen sind: sie werden mit einem Klettverschluss an den Stamm gegurtet (wie ein Rucksack), dann wird Wasser eingefüllt, unten sind Löcher und das Wasser saftelt durch die Löcher langsam in den Boden. Das ist die bessere Technik junge Bäume zu giessen, sie wird immer mehr verwendet. Ein braver Gärtner würde den Baum ganz langsam giessen, aber dafür gibt es die Zeit nicht. Deshalb die Schläuche und die Rucksäcke für die Bäume.
Kirchner: Wenn eine Privatperson es mit einem Baum gut meint und ihn giesst, kann sie etwas falsch machen?
Schmidt: Nein, da kann man nichts falsch machen, das ist gut für den Baum. Du kannst auch etwas ansäen um den Baum herum.
Kirchner: Brauche ich da keine Genehmigung?
Schmidt: Ich würde es einfach machen, es steht ja kein Name dran. Man kann um Bäume herum etwas ansäen, das ist nicht verwerflich. Ich lasse ja auch meinen Hund hin, ich stelle mein Auto ab.
Es gibt kein Recht darauf ein Auto in der Strasse abzustellen. Das muss man sich immer klar machen: es ist nur eine Duldung. Es gibt kein Gesetz das sagt: du darfst da dein Auto abstellen. Ein Auto ist Privateigentum. Ich stelle ja auch nicht mein Sofa auf die Gasse oder einen anderen Teil meines persönlichen Besitzes. Es gibt kein Recht auf einen Parkplatz, auch nicht bei Parkraumbewirtschaftung. In manchen Städten, in New York City / USA zum Beispiel, darf man in der Stadt keine Garage bauen, damit es nicht noch mehr Autos in der Stadt gibt. In Tokyo / Japan darf man sich nur ein Auto kaufen wenn man nachweisen kann, dass man über einen Privatgrund verfügt auf dem man sein Auto abstellen kann.
Kirchner: Das hat in Tokyo zur Vernichtung von sehr vielen Gärten und schönen alten Häusern geführt. An deren Stelle sind jetzt Privatparkplätze.
Schmidt: Das entlarvt den Fetisch-Charakter des Autos.
Kirchner: Mir gefällt die New Yorker Lösung besser als die Tokyoter.
Danke für das Gespräch.

Schmidt spricht mit Schnitter.in

Stefan Schmidt