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Bild: Nikkolo Feuermacher. StadtentpflasternKlaus Kirchner: Kannst Du mal kurz erklären warum es wichtig ist in der Stadt neben der Strasse mit der Sense zu mähen?
Stefan Schmidt (Baumforscher in Wien): Alle Blütenstauden und Gräser neben den Strassen können auch in ein rein mineralisches Material gepflanzt werden. Die Beete neben der Strasse sind dann statt mit Erde mit Split 0 – 8 mm und etwas Kompost befüllt. Wir (MA 42 und HBLFA) pflanzen dort Pflanzen, die mit Trockenheit zurecht kommen. Diese Beete haben zwei Vorteile: Hier kann Niederschlagswasser gut versickern und es gibt Pflanzen, die nicht gegossen werden müssen: Iris, bestimmte Storchschnäbel – z.B. Blutstorchschnabel, viele Gräser, Schafgarben, Perückensträucher, Astern und andere. Die meisten Unkräuter bevorzugen diese Art von Boden nicht. Sie lieben es eher feucht und nährstoffreich. Die Stauden in den Beeten helfen beim Verdunsten von Wasser und es schaut nicht schlecht aus. In Wien können wir viel mit Wildpflanzen arbeiten, denn wir leben hier im Panonikum, praktisch in einer Steppe. Die Pflanzen der Puszta lieben den Split der Beete, denn er ist trocken und luftig. So können Pflanzen der panonischen Steppen, der Heissländen und der Felssteppen der Umgebung, in die Stadt geholt werden. So gib es neben der Strasse einen Naturaspekt. Die Flächen können betreten werden ohne den Boden zu verdichten.
Kirchner: Wo sind diese Flächen?
Schmidt: Der Mittelstreifen von Strassen, Flächen zwischen den Parkplätzen, Streifen zwischen Parkplätzen und Gehsteig, Verkehrsinseln.
Wie Sponge-City ist auch Depaving / Entpflastern ein grosses Thema beim Klimawandel. Je mehr Boden offen ist, desto mehr Wasser kann aufgenommen werden. Je mehr Löcher in der Stadt sind, in die Wasser hineinfliessen kann, desto weniger Wasser ist im Kanal. Die Stadt Wien macht die Sommerblumenbeete, die jedes Jahr neu bepflanzt werden, immer wilder, immer wiesenhafter um dann leichter in eine Steppenbepflanzung wechseln zu können. Das ist eine tolle Strategie, die ich sehr bewundere.
In Wien gibt es traditionell vor den Häusern keine Vorgärten – anders als in Deutschland: Berlin, München, Nürnberg. Ausnahme: die Vorgartenstrasse, die danach benannt ist. In Wien ist bis ans Haus asphaltiert. Das hat mich am Anfang in Wien rasend gemacht. Ich war es aus Süddeutschland gewohnt, dass alles gepflastert ist und hier in Wien war ein Aspahltwerk im Besitz der Gemeinde und deshalb hat man alles Aspahltiert.
Kirchner: Entasphaltieren wäre also die wiener Version von Depaving? Deasphalting? Welche Rolle spielt da die Sense?
Schmidt: Die einzige Pflege für ein Splitbeet mit panonische Bepflanzung: ein mal im Jahr (bevor die Tulpen und Frühjahrsblüher herauskommen) wird gemäht.
Kirchner: Also Ende Februar – Anfang März?
Schmidt: Im Winter hat man noch den Schmuck der Gräser und danach geht man mit der Sense drüber. Wir haben die neue Wirtschaftsuni in einem Mantel von Splitbeeten versinken lassen, mit Pflanzen, die es heiss und trocken lieben. Wenn diese jetzt mit der Sense gemäht werden, sind das ein paar LKWs voll Mähgut. Die Menschen dort mähen allerdings mit Motorsensen.
Kirchner: Ach mit Schnürlmähern? Das ist aber gefährlich bei Splitböden, denn die schiessen ja dann mit Split.
Schmidt: Die Geschosse sind maximal 8 mm, das ist zu überleben. Gefährlich ist nur, dass sie dabei die Bäume umbringen, weil sie nicht in der Lage sind rechtzeitig zu bremsen. Mit den Schnürlmähern kann die Rinde rings um den Baum durchtrennt werden. Mit dem Schnürlmäher sehe ich nur was er gerade trifft und nicht den Faden, der da kreiselt, aber der Baum ist schon getötet. Ich habe in meinem Leben Autobahnböschungen gemäht, mit der Sense und dem Schnürlmäher, ich weiss wie das geht.
Kirchner: Danke für das Gespräch.

Schmidt spricht mit Schnitter.in

Stefan Schmidt