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Alle Rechte bei Nikkolo Feuermacher
Klaus Kirchner: Wolfgang Palme, Sie sind Spezialist für Wintergemüse?
Wolfgang Palme: Genau: die Entdeckung einer neuen Jahreszeit. Ich habe in meiner Versuchsarbeit in der HBLFA (Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt Schönbrunn) als Abteilungsleiter für Gemüsebau entdeckt: Gemüse ist frosthärter als es in allen Lehrbüchern steht. Auch im Profigemüsebau schenken wir eine ganze Jahreszeit her. Hunderte Hektar stehen in Österreich über den Winter leer: Folienhäuser, die nur im Sommer bepflanzt sind.
Statt dessen werden moderne High-Tech-Glashäuser gebaut, um sie im Dezember oder Jänner zu bepflanzen, zu belichten und zu heizen um regionales Gemüse zu produzieren. Daneben liegen Hektar Folienfläche brach, wo man Salat, Radieschen, ein breitestes Sortiment an echtem saisonalen Gemüse produzieren könnte. Diese Ressourcen werden nicht genutzt. Das ist nicht nur ein ökologisches Problem – weil wir so viele Ressourcen verschwenden – es wirkt sich auf den Fussabdruck aus. Es ist auch deshalb schade, weil wir die Kunden-Produzenten-Beziehung, die im Verlauf eines Jahres entsteht, herschenken und im Herbst abgeben. Wir geben unsere Ernährungssouveränität und Kompetenz im Herbst an der Kasse ab, um sie im nächsten Jahr wieder mühsam zurückerobern zu wollen.
Klaus Kirchner: Soll ich wissen: ich kaufe mir im November keine Paradeiser?
Wolfgang Palme: Ich kaufe einen Salat! Wir sind im Winter abhängig von Importgemüse oder aufwendig beheizten, zum Teil sogar belichteten Gemüsearten aus heimischem Anbau. Es gibt einen dritten Weg, eine echte Alternative: mit Low-Input erzeugen. Ich kann auch im Winter Salat und Gemüse ernten, selbst zu Weihnachten. Ich habe ein Buch (Wolfgang Palme, Frisches Gemüse im Winter ernten, 2016) geschrieben, in dem 77 Gemüse portraitiert sind, die man im Winter ernten kann.
Klaus Kirchner: Wo kann ich das lernen? Wo kann ich meine Angst praktisch verlieren?
Wolfgang Palme: In der City Farm bieten wir Erwachsenen-Workshops. Es gibt natürlich nicht nur uns: es gibt den Gartenpolylog (ein Verein der Stadt Wien, der intensiv Gemeinschaftsgärten unterstützt, fördert und Menschen anleitet), es gibt private Initiativen, Arche Noah hat Workshops in Wien, die Grüne Schule im Botanischen Garten der Universität Wien. Es gibt viele Möglichkeiten sich weiter zu schulen. Für eine Grossstadt jedoch immer noch zu wenig – meiner Überzeugung nach. Es gibt viele Interessierte mittlerweile, da gibt es noch viel zu tun.
Klaus Kirchner: Ich wünsche allen viel Vergnügen dabei.
Wolfgang Palme: Danke.

Wolfgang Palme von der City Farm Wien

Wolfgang Palme