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Leitbildprozess - Nikkolo Feuermacher 2019

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

Nikkolo Feuermacher spricht mit Arche Noah Kurz-Vorstandsmitglied Klaus Kirchner.

Nikkolo: Ich habe Dich bei der letzten Mitgliederversammlung im Dezember 2018 in den Vorstand des Vereins Arche Noah gewählt. Was wolltest Du da?
Klaus: Ich habe bei meiner Bewerbung davon gesprochen, dass die Arche Noah demokratischer werden muss um Alleingänge und Fehlentwicklungen – wie in den Jahren vorher zu vermeiden.
Nikkolo: Was hast Du erreicht?
Klaus: Nichts. Ich habe Dir bereits direkt nach meiner Wahl erklärt: es reicht nicht mich zu wählen damit es eine Demokratisierung gibt; Du musst mich weiterhin beobachten, mich unterstützen, im Kontakt sein, nachfragen, selbst aktiv bleiben …

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

Nikkolo: Und weil ICH nichts getan habe hast Du auch nichts getan?
Klaus: Die Arbeitssituation im Vorstand war für mich völlig unerwartet: jedeR misstraute jedem, es gab keine Gespräche oder persönliche Treffen. Die ganze Kommunikation lief unter Zeitdruck über endlos scheinende E-Mail-Anmerkungen (in bis zu 100 Mails am Tag). Was ich an Anregungen zur Demokratisierung in die Mails stecken konnte habe ich einige Wochen lang getan, dann habe ich mit meinen Augen Probleme bekommen und das Handtuch geworfen. Meine Position wurde umgehend nachbesetzt – sicherlich nicht inhaltlich – das ist sehr schade. Aber meine Gesundheit ging mir vor.
Nikkolo: Hast Du Dich wenigstens an der Vorbereitung des angekündigten „Zukunftsforums“ eingebracht?

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

Klaus: Es war nicht leicht überhaupt in eine Arbeitsgruppe gerufen zu werden (gerufen – denn das war nicht demokratisch). Schliesslich hatte ich „Glück“ und landete in der Arbeitsgruppe „Governance“.
Nikkolo: Warum warst Du nicht in der Arbeitsgruppe „Demokratisierung“?
Klaus: Diese Arbeitsgruppe gab es gar nicht. Demokratisierung war nie Fokus des „Zukunftsforums“. Governance – also die Art Macht auszuüben  war der Ort, wo meiner Ansicht nach Demokratie hingehört hätte.
Nikkolo: Hingehört hätte?
Klaus: Du hast in Deinen Zeichnungen hier ganz gut die Kultur widergegeben, die in der Arbeitsgruppe herrschte.

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

Von Demokratisierung wollte kein Mensch etwas hören und sie ist auch im Protokoll der Arbeitsgruppe nicht aufgetaucht. Verschwendete Zeit.
Nikkolo: Und jetzt?
Klaus: Der nächste Ort an dem wieder etwas Demokratie möglich sein wird ist die nächste Mitgliederversammlung der Arche Noah. Die Mitgliederversammlung kann entscheiden wer zukünftig die Macht hat.
Nikkolo: Macht über den Verein? Macht über das Saatgut?
Klaus: Die Samenbank hat ihren Wert nur dadurch, dass viele Mitglieder ehrenamtlich Samen vermehren, erhalten, tauschen und nicht patentieren. Wer kann über diese Menschen Macht haben? Wenn sie sich nicht bevormunden lassen und unterordnen?
Nikkolo: Die Arche Noah ist im Augenblick im Strudel?
Klaus: Ja. Und damit meinen wir sicherlich nicht die Mehlspeise sondern einen Mahlstrom. Das Schiff wurde in die falsche Richtung gesteuert. Nicht einmal das „Zukunftsforum“ hat stattgefunden. Der angekündigte „Leitbildprozess“ wurde gestoppt, weil klar wurde, dass die Miglieder gar kein neues „Leitbild“ wollen. Wer seit Jahrzehnten bei der Arche Noah ist weiss bereits warum. Der Verein hat sich bei einer Bank verschuldet, statt seine Mitglieder um Unterstützung zu fragen. Die Macht liegt aktuell in der Hand von Menschen, die aufs Geld schauen und für die Mitbestimmung ein verzichtbarer Luxus scheint.

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

Nikkolo: Wie war das möglich?
Klaus: Wie so oft werden die Leute, die Tyrannen stürzen selbst gerne zu Tyrannen, wenn man sie lässt. Dafür braucht das System nicht verändert zu werden, dafür ist es bereits optimiert. Die Arche schwimmt weiter in eine autokratische Richtung.
Nikkolo: Autokratische Richtung?
Klaus: Es gibt viele engagierte Firmen, die einen Vereinsmantel tragen, sich politisch engagieren, aber bei denen alle Entscheidungen von bezahlten Geschäftsführungen an der Spitze einer rein leistungsorientierten Hierarchie getroffen werden. Das ist im NGO-Bereich weit verbreitet. Deshalb gehen vom NGO-Bereich auch keine tiefgreifenden politischen Veränderungen aus.

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

Nikkolo: Danke für Deinen Mut das hier zu sagen.

Nikkolo: Wieso setzen wir nach der Mitgliederversammlung vom 14.12.19 nur einfach dieses Gespräch fort und es gibt keinen neuen Beitrag auf Schnitter.in ?

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

Klaus: Ich möchte die SchnitterINNEN nicht mit der Arche Noah langweilen. Dieser Verein hat hier schon genug Platz gehabt.
Nikkolo: Das hört sich traurig an.
Klaus: Das bin ich auch. Man kann aus einem Aquarium nur ein mal eine Fischsuppe machen und nicht umgekehrt. Selbst wenn man den Bankkredit mit der Suppe schnell abbezahlt.
Nikkolo: ?
Klaus: Arche Noah war mal so eine Art „Hippie-Graswurzel-Verein“ von Menschen, die Pflanzen lieben und miteinander tauschen wollen. Leider sitzen die Hippies jetzt auf einem Schatz, der viel Geld wert sein kann, und man fährt aus Gründen der Selbst-Optimierung mit dem Rasenmäher drüber. Der Verein wird auf Fundraising-Organisation getrimmt und beschäftigt 50 „ArbeitnehmerINNEN“. Dafür können die Hippies nichts. Sie hätten in ihrer Blase bleiben können. Aber das aktuelle Wirtschaftssystem lebt von der Verknappung und muss jede Nische gewinn-maximieren (Start-Up).
Nikkolo: Was war auf der Mitgliederversammlung am 14.12.19 ?
Klaus: In der Schlacht, zu der die Mitgliederversammlung wieder einmal gemacht wurde, haben die aktuell Mächtigen (Vorstand, die beiden Geschäftsführer, die Rechnungsprüferin) über Mitglieder gesiegt. Wenn ich davon ausgehe, dass die engagiertesten und kritischsten Mitglieder an diesem 3. Advents-Samstag da waren (fast 200 Menschen), also diejenigen denen viel am Verein und dessen guter Weiterentwicklung liegt, dann ist so ein Sieg verheerend für alle Beteiligten.
Nikkolo: Ist „Schlacht“ nicht ein etwas zu brutales Bild?
Klaus: Nein, denn es war durchaus gewalttätig: Vor der Veranstaltung gab es autoritäre Massnahmen, Druck, Entlassungen, Geheimhaltungen (z.B. wurden die Abschiedsschreiben der ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder gezielt nicht veröffentlicht) und Missachtung engagierter Vereins-Mitglieder. Kurz vor der Mitgliederversammlung wurden zwei Personen in den Vorstand kooptiert um Plätze vorzubesetzen.
Ich musste am Samstag zusätzlich zu meinem Mitgliedsausweis einen Reispass mit meinem Bild vorlegen um überhaupt in den Versammlungsraum gehen zu dürfen. Das Verteilen von Flugblättern, (in denen Mitglieder über ihre Position informieren wollten) war in „den vom Vorstand gemieteten Räumen“ verboten. Dieses Verbot wurde exekutiert. Es war von vornherein geplant, dass es kein Essen oder Getränke für die Mitglieder gibt, und nur 30 Minuten Pause während der 7-stündigen Veranstaltung (eine klassische Zermürbungsmethode bei NGO-Verhandlungen in Brüssel.) Die Veranstaltung wurde um 2,5 Stunden überzogen. Während der Veranstaltung sassen ununterbrochen zwei Rechtsanwälte mit dem Vorstand auf der Bühne um diesen zu verteidigen.

Mein Anwalt - Nikkolo Feuermacher 2019

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

Nikkolo: Und die Mitglieder bezahlen diese Anwälte?
Klaus: Genau so wie sie die Sicherheitsleute bezahlt haben, die sie bei der vorletzten Versammlung am Betreten des Veranstaltungsraums hinderten.
Aber den aktuellen Machthabern sind Mitglieder nicht wichtig. Sie fokussieren – wie ich oben erzähle – auf Fundraising. Da stören mehr als 12 Mitglieder nur. Wichtig ist: VIELE zahlen und reden NICHT mit.
Nikkolo: Wie hat das am Samstag geendet?
Klaus: Der ganze alte Vorstand wurde bestätigt – bis auf den einzigen, der den Mitgliedern gegenüber gesprächsbereit war, der wurde abgewählt. Der Antrag: den Vorstand zu erweitern um die unterschiedlichen Meinungen unter den Mitgliedern repräsentieren zu können (eine klassische Befriedungsmethode), wurde abgelehnt. Die umstrittene Satzungsänderung ist durchgesetzt. Der Mitgliedsbeitrag ist erhöht. Die vorliegenden Satzungsänderung zur Beschränkung der Macht des Vorstands wurden nicht behandelt. Alle Entscheidungen fielen am Ende der Veranstaltung.
Nikkolo: Waren denn die anwesenden Mitglieder alle „geisteskrank„?
Klaus: Am Ende haben sich die belagerten, ausgehungerten und überlasteten Mitglieder gegenseitig aggressiv angeschrien. Die klassische Taktik ist aufgegangen: Alle wichtigen Entscheidungen am Schluss durchpeitschen, so dass jede Verständnisfrage von den Anwesenden als störend empfunden wird – weil ja alle nach Hause wollen. Das Ringen hat bis 20:30 Uhr gedauert.
Nikkolo: Gibt es denn da keine Moderation? Niemanden der/die auf die Zeit schaut und auf die Atmosphäre der Veranstaltung?
Klaus: Im Vorfeld der Mitgliederversammlung und auf der Veranstaltung selbst wurde der Moderatorin Parteinahme unterstellt. Sie konnte also nie als neutral wahrgenommen werden. Das Bestehen des Vorstands auf dieser Moderatorin war selbst eine Konflikt-Eskalation, die die Interessen der Mitglieder verletzt hat, egal was die Moderatorin getan hätte. Ob dann die Dame, die sich vor dem Vorstand „nieder knien“ (sic!) wollte, so viel mehr Redezeit bekommen hat als kritische und nachfragende Stimmen – da musst Du Menschen mit Stop-Uhr-Ap fragen.

Niederknien - Nikkolo Feuermacher 2019

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

Der Lösungsansatz „Erweiterung des Vorstands“ wurde jedenfalls so geschickt wegmoderiert, dass ich glaube: die meissten Anwesenden haben nie verstanden, dass es diese Option überhaupt gegeben hat.
Nikkolo: Wie funktioniert es, dass Menschen gegen ihre Interessen abstimmen?
Klaus: Emotionen. Am Ende war da Panik und Verwirrung, erzeugt mit den klassischen Mitteln: Wenn wir das nicht tun stirbt der Verein! Wenn ich nach der Wahl nicht die absolute Mehrheit (alleinige Entscheidungsgewalt) habe, trete ich sofort zurück! Die Investoren ziehen ihr Geld ab wenn der Vorstand wechselt! Stabilität ist das wichtigste (auch wenn wir stabil auf dem falschen Weg sind)! Wer uns kritisiert beschmutzt das Nest, spaltet und ist unser Feind, der öffentlich gemobbt werden darf!
Nikkolo: Aber der Verein hat schliesslich überlebt?
Klaus: Das war nie in Frage gestanden, denn auf der Tagesordnung stand kein Antrag zur Auflösung des Vereins. Im schlimmsten Fall hätten die Menschen, die vom Verein leben, ihren Arbeitsplatz verloren – und das sind nicht die Mitglieder. Das ist der springende Punkt.
Nikkolo: Es ging also um Arbeitsplätze?
Klaus: Ja. Um den Umbau, über den ich oben gesprochen habe: den Hippies ihr Spielzeug wegnehmen und damit Geld machen.

Auf der Veranstaltung Raum für Utopie der Alten Schmiede vom 22.-24. November 2019 im Odeon / Wien wurde u.a. die Frage gestellt: Wieso haben die Proteste der 1980er so wenig politisch verändert? Da war doch alles schon einmal: Gossdemonstrationen zu den selben Themen, wie man sie heute gerne hätte.
Eine Antwort auf die Frage nach der Wirkung dieser grossen Veränderungs-Energien ist folgende: Das herrschende Wirtschaftssystem* macht aus ALLEM eine Geschäfts-Idee: AUF dem Wunsch nach Veränderung haben sich Firmen gegründet. Sie sagen: Wenn Du nicht zufrieden bist und etwas verändern willst: Gib mir Geld und Lotty Karrotty rettet Dich und das Universum!
So etwas hält die Menschen still (die fleissig weiter arbeiten um genügend Spendengelder aufzubringen), das System stabil und verhindert strukturelle Entwicklungen weg von der Dienstleistungsgesellschaft, die wir nach der aktuellen Wirtschaftslehre sein müssen*. Die vielen Fundraising-Organisationen sind für ihre BetreiberINNEN ein gutes Geschäft. Pech ist nur: trotz des grossen Umsatzes dieser Firmen sterben so viele Tiere aus wie noch nie, brennt der Regenwald, eskalieren Kriege, wird aufgerüstet, werden Menschenrechte missachtet, werden DIE reicher die ohnehin schon reich sind. Wer für Veränderung bezahlt verändert nichts. Schade, wenn das auch für vom Aussterben bedrohte Nutz-Pflanzen-Arten gilt.
Nikkolo: Hey, gib mir etwas Geld und ich bring das für Dich in Ordnung!
Klaus: Ha Ha Ha
Nikkolo: Was hat Dich an der Veranstaltung am 14.12.19 am meisten überrascht?
Klaus: Der Krimi: Von den drei im Sommer 2019 übrig gebliebenen Vorstandsmitgliedern gründet der Kassier eine Beratungsfirma (im Bereich Business und Pflanzen) in der ER den Obmann anstellt. (Ein identes Geschäftsmodell gab es in der jüngsten Vergangenheit im selben Verein – mit ungutem Ausgang.) Die Meldung an die Mitglieder vergisst er. Auf der Mitgliederversammlung am 14.12.19 wird die ganze Sache von einem Mitglied aufgedeckt und angesprochen. Die Antwort der Schriftführerin: Ich wusste das natürlich, das entspricht unseren Compliance-Regeln. Antwort des Kassiers: Ich finde das interessant und muss ja von etwas leben. Beide werden anschliessend von den anwesenden Mitgliedern wieder gewählt.

* Klaus Kichner (M.A.) ist von der Österreichischen Wirtschaftskammer WKO anerkannter Unternehmensberater

Compliance - Nikkolo Feuermacher 2019

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

wir müssen nicht - Nikkolo Feuermacher 2019

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

jetzt - Nikkolo Feuermacher 2019

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019

Aussetzen - Nikkolo Feuermacher 2019

Bild: Nikkolo Feuermacher 2019