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Kräutersalbe aus FrischkräuternAnita Zrounek spricht mit Klaus Kirchner in Wien

Kirchner: Was ist die Werklerei?
Zrounek: Mir ist der Name eingeschossen, weil ich meistens vom Werkeln rede wenn ich erkläre was ich tue. Ich habe immer viel selbst gemacht, und als ich beschloss Kurse zu geben, suchte ich nach etwas, was die Vielfalt abbildet und mich in meinen Ideen nicht einschränkt. Ich will nicht aufhören mich weiter zu entwickeln und neue Themen aufzugreifen.
Kirchner: Wie ist es dazu gekommen?
Zrounek: Ich habe schon von früh an gerne handwerklich gearbeitet. Meine Mutter hat als Kind mit mir gebastelt. Mein Vater war Bibliothekar und hat immer darauf geschaut, dass ich gute Literatur und Anleitungen zu dem hatte, was mich gerade interessiert. So konnte ich immer tief in mein aktuelles Thema eindringen. Z.B. Bücher binden, Schachteln herstellen und mit Schmuckpapier überziehen, habe ich Jahre gemacht. Es ist bei mir aber immer ein Kommen und Gehen von Themen, ein breites Repertoire von Dingen, die mich interessieren. Ausprobieren, Anschauen, Vertiefen solange Freude da ist und dann locker weiter gehen zu etwas anderem.
Zentrale Schwerpunkte sind für mich dabei: Kräuter und die Natur, Selbermachen im Sinne von unabhängig werden, Selbstversorgung, Dahinterkommen wie Dinge funktionieren, die man im Alltag ständig verwendet.
Ich habe eine zweijährige Wildnis-Pädagogik-Ausbildung gemacht. Da sind wir bis in die Urzeit gegangen. Survival mit Feuermachen, Schnüre drehen, Wasser reinigen, Töpfern, Holzschüsseln machen. Wie schnitze ich meine Schüssel mit einem Messer? Und wie schnitze ich sie wenn ich noch nicht einmal ein Messer habe? Ich finde es faszinierend immer weiter zu reduzieren.
In meinen Werklerei Kursen setze ich allerdings bei einem Level an, bei dem es schon Werkzeuge gibt ;-).
Kirchner: Was war Dein letzter Kurs?
Zrounek: Mein letzter Kurs war ein Kerzen-Workshop. Kerzen sind nicht teuer, man bekommt sie überall ohne Problem. Aber wenn man eine Kerze selber gießt bekommt sie eine ganz andere Wertigkeit und Persönlichkeit, die sie sonst nie hat. Und man kommt auf Dinge, die man vorher noch nie bedacht hat, z.B. die richtige Dochtstärke zu bestimmen, den Docht richtig herum einzulegen, …
Vor 150 Jahren hatten Bauern, die versucht haben sich so weit wie möglich selbst zu versorgen, ein unglaubliches Wissen aufgesogen. Darüber wie man Dinge repariert oder herstellt.
Kirchner: Ist Dein Ziel das Wissen, das früher in jedem selbständigen Haus vorhanden war, überleben zu lassen?
Zrounek: Auf jeden Fall. Allerdings überlege ich mir bei der Werklerei erst mal: „Was sind die Dinge, die den Leuten Spaß machen?“ Den TeilnehmerINNEN eine schöne Zeit bieten UND etwas zu machen was einen Wert hat. Wenn ich sage: „Käse selbermachen“ denken die Menschen „Wow. Wie? Das geht?“ Spaß und Neugierde sind mir wichtig, und nicht der Ernst: „Ich MUSS mich jetzt selber versorgen.“ Das ist der Unterschied zu früher.
Kirchner: WO sind Deine Kurse?
Zrounek: Oft in Mödling, da bin ich zu Hause. Das book & cook ist eine Initiative, die einen gemütlichen Raum mit Küche für Veranstaltungen anbietet. In Wien finden die meisten Kurse im Hinterhaus in der Schottenfeldgasse statt. Mit den Kräuterkursen gehe ich dann im Frühsommer auch hinaus ins Umland.
Kirchner: Was passiert an einem Kräuter-Wochenende mit Dir? Die Kräuter wachsen ja von selbst? Was macht man da mit seinen Händen?
Zrounek: Denk mal an eine Heilsalbe, denk mal an Husten- oder Schnupfen-Hausmittel selber herstellen. Bei einer Kräuterwanderung muss es AUCH etwas für die Hände zu tun geben, damit die Hemmschwelle überwunden wird mit den Pflanzen (die einem gezeigt wurden) wirklich etwas anzufangen: Salben rühren, Kochen, Öle ansetzen (die dann auch wieder zum Seifensieden verwendet werden können), Hustenzuckerl selber machen, … Ich durfte selbst viel bei Susanne Patzleiner-Rieser, einer tollen Kräuterfrau in Tirol lernen, die über Jahre von ihrer Großmutter und über eigene Studien Kräuterwissen gesammelt hat. Sie bietet auch immer noch Ausbildungen an, wenn man umfassend in das Thema eintauchen will.

Käterbestimmung und Sensenmähen

Foto: Peter Ujfalusi

Kirchner: Welche Menschen melden sich für Deine Kurse an?
Zrounek: Sehr gemischt, im Moment mehrheitlich Frauen, manchmal auch mit (älteren) Kindern, viele die aus dem Büroalltag hinauskommen wollen. Manche zusammen mit ihrer Freundin als Geburtstagsgeschenk. Ich biete die Kurse seit September 2017 an und bin neugierig wie sich das noch entwickelt.
Kirchner: Ist das „Selbermachen“ Teil einer Bewegung, die es im Augenblick gibt?
Zrounek: Ich glaube schon, dass das ein Trend ist, und dass es bleibt und etwas ÜBLICHES wird. In Zeitschriften werden Do-it-yourself-Kreativurlaube angeboten. Es gibt die „Maker-Szene“ mit den 3D-Druckern. Bei den Menschen gibt es das Bedürfnis – als Gegenpol zur in vielen Bereichen wahrgenommenen Fremdbestimmung – einmal selbst etwas zu bewegen. Je digitaler die Arbeits- und Privatwelt wird: mit Tablet, Handy, Internet, … braucht es auch einen stärkeren Gegenpol, der einen wieder aus dem Kastl herausholt.
Kirchner: Du bietest eine Tür an um aus dem Kastl wieder herauszukommen?
Zrounek: Ja, und ohne Meisterschaft, ohne eine Ausbildung machen zu müssen, ohne „für immer und ewig“, einfach zum Ausprobieren. Natürlich habe ich Kompetenz und kann auch weiterführende Fragen beantworten, aber wenn jemand einfach nur einen Nachmittag etwas basteln will, ist es auch gut. Es geht um eine kreative Auszeit.
Kirchner: Mähst Du mit der Sense?
Zrounek: Ich habe einen Sensenkurs gemacht und mähe meinen Garten seit 6 Jahren mit der Sense. So gibt es jedes Jahr mehr Vielfalt mit den Kräutern. Die Wiese hat sich ziemlich verändert. Inzwischen kann ich vieles was in meinem Garten wächst verwenden, es tauchen immer mehr Heilpflanzen auf, die ich gar nicht angepflanzt habe, nur durch die Veränderungen des Bodens, und das Aussamen lassen. So ist die Beziehung zwischen dem Sensenmähen und den Kräutern auf meiner Wiese.
Kirchner: Wie geht es weiter?
Zrounek: Es ist unterschiedlich WIE die Menschen im Kontakt mit der Natur sind. Bei meiner eigenen Kräuterausbildung habe ich eine starke Verbundenheit mit der Natur entwickelt, die so viel für uns zur Verfügung stellt. Dieses Gefühl, diese persönliche Beziehung möchte ich weitervermitteln. Ich glaube über Heilpflanzen ist das gut möglich. So eine Salbe, die man selbst gesammelt und gerührt hat, lässt uns naturnahe (Sammel-)Gebiete wertschätzen.
Einmal habe ich mit einer Gruppe eine Salbe mitten auf der Wiese gerührt: in einem mitgebrachten Topferl am Gaskocher, mit den gerade frisch gesammelten Pflanzen von der der Wiese.
Kirchner: Können wir das einmal bei einem Sensenkurs machen? Die frisch gemähten Kräuter gleich an Ort und Stelle verarbeiten?
Zrounek: Sehr gerne, machen wir das doch gleich am 27.April.2019

Alle Bildrechte bei Irmgard Kirchner 2018

Anita Zrounek und Klaus Kirchner